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Sonntag, 30. Oktober 2011
I-Zender.
ratte
18:56h
Das Schrauben an neuen Computern aufm Schreibtisch war ja noch nie unbedingt so mein Fall. Auch nicht, obwohl Steve Jobs, der Herr hab ihn selig, es ja nur gut gemeint hat, und meine Arbeits- und Gebetsmühlen seit Jahren irgendwie super-schick sind, eher was für Leute mit Understatement also, und mich die "ein-Klick-fünf-Schritte" echt nervt. Ich bin eine Frau, also bin ich komplex, und das bedeutet: ich will einen komplex zu bedienenden Rechner für Dummys. Nicht sonn Ding, wo mit der System-Kenner dann beruhigend sagt "so, und jetzt stell dich einfach mal doof, so, als hättest du NIE AN EINEM COMPUTER GESESSEN" (und dann funktionierts tatsächlich.
Scheiss Ding. Sich binnen PROFI, sich darf das gefälligst kompliziert haben. (Ich kann auch aus Versehen 999 Bilder öffnen und dann nen Kaffee trinken, während sich der Rechner endlich aufhängt). Nun hab ich diesen neuen Ei-Mac auf dem Zeichentisch stehen, weil das Drecksding nicht in der Höhe zu verstellen ist, und die Sitzhöhe am Schreibtisch dafür sorgt, dass ich immerzu einen steifen Nacken hab. Ich kann aber den Tisch nicht kürzer sägen, und den orthografischen Drehstuhl mit Wirbelsäulen-Stütztechnik nicht weiter hoch fahren. Schomma blöd. So an sich. Dann ist das Ein- und Ausstecken von USB-Sticks (und ich bin abhängig von den Dingern) ein derartiges Gefummel, dass ich eben einen Splitter mit Kabel drangeknört hab. Sieht jetzt super-schick aus: Flat-Screen mit Plaste-Bommelschwänzchen. Auch blöd, aber als Königin des Workaround nicht weiter tragisch. Hat sich jetzt noch herausgestellt, dass das Ding überhaupt kein Computer ist, sondern ein "Mediencenter". Der Bildschirm is besser als mein Fernseher (also guck ich Battlestar Galaktika mit dem Lektor eben im Büro), und der Sound besser als der meiner Stereo-Anlage (also eben die CD-Sammlung in Ei-Tunes reingefüttert). Das witzige an Ei-Tunes ist jetzt, dass es eine Verwaltung hat. Und wie jede Verwaltung dazu anregt, diese Verwaltung auch mal zu benutzen. Also alle Alben nicht nur überspielt, sondern auch noch nach "Genre", und "bewertet" hab ich den ganzen Rotz nun auch noch. Und etwas ausprobiert, was sich "Ei-Tunes-Diskjockey" nennt. Das Ding sucht per Zufall also die Bestbewertungen aus, und spielt sie irgendwie zufällig ab. Und ich muss sagen: wow, mein eigenes Radio hat was. Nur: es ist nie das dran, auf was ich gerade Lust habe, und ich bin entsetzt, wie schlimm meine "Lieblingstitel" sind. John Cash neben Placebo neben Pixies neben Aretha Franklin, neben Bowie neben Bing Crosby neben Tom Waits neben Björk neben ARGH. Geile Mischung, ich erschieß mich, denn den Rechner hängt das nicht von alleine auf. Oder anders: aus reinem Protest werd ich mir irgendwann einen Ubuntu-Rechner zulegen, nur weil der so komplex UND kompliziert ist, dass ich wieder was zum Fluchen hab, und einen Grund, mein Kind anzurufen. ... Link (0 Kommentare) ... Comment Dienstag, 27. September 2011
Frau Ratte ist SAUER.
ratte
10:35h
Seit Jahren hat Frau Ratte eine ganze Sammlung von gesundheitlichen Problemen, wobei sie selbst nicht weiß, ob einfach nur das Leben selbst dran schuld ist, ein angeborener oder angezüchteter Dachschaden, oder ob tatsächlich was nicht stimmt.
Seit Jahren rennt Frau Ratte also mit allen möglichen furchtbaren Dingen zum Arzt, und macht jetzt die Erfahrung: wenns nicht grad ein Schnupfen ist, rennt man Pontius zu Pilatus, und alle zucken nur mit den Achseln. Naja, kann psychosomatisch sein. Naja, kann der Rücken sein. Kann eine Allergie sein. Kann schon sein. Haben Sie denn Ihr Sozialleben im Griff? Nein? naja, dann kann man wohl nichts machen. Frau Ratte fällt nach wie vor alle 3 bis 4 Wochen einfach um. Plumms. Frau Ratte hat EKGs und MRTs über sich ergehen lassen, diverse Ultraschall- und Röntgen-Untersuchungen, hat literweise Blut und Urin abgegeben, sich x-mal auf die Waage stellen Temperatur messen, hat sich Strom durch den Körper jagen lassen und sich geweigert Schmerzmittel gegen Fieber und Inkontinenz zu nehmen. Sogar einen Zahn hat sie sich ziehen lassen, und beim Therapeuten hat sie sich vorgestellt, denn das ist ja alles nur psychosomatisch. Glaubt man dem Urologen, hat Frau Ratte Malaria. Glaubt man der Neurochirurgin, hat Frau Ratte irgend eine komische entzündliche Vergiftung. Glaubt man den 30 anderen Ärzten, ist Frau Ratte einfach nur hypochondrisch, denn: Frau Ratte muss überfordert sein, weil sie ohne Männer Kinder erzieht und keinen Sesselfurzerjob hat. Um sich selbst zu helfen, diskutiert Frau Ratte mit einer Krankheit, die keinen Namen hat, und hilft sich mit Zwiebelsud und anderen fies schmeckenden Aufgüssen, meditiert sich das Fieber aus dem Kopf und ignoriert wenigstens Schmerzen und Erschöpfung. Und so ein Stock ist ja auch cool, ohne den es auch hin und wieder nicht mehr geht. Die Kindergartentasche als medizinisches Waffenarsenal, das Kind darauf trainiert was zu tun ist, falls Mama beim Umfallen die nächstbeste Wand nicht erwischt. Das hilft. Tatsächlich. Das, und langsam weichende Unterforderung im Hirn. Was nichts daran ändert, dass es da eine Behörde gibt, das unbedingt eine Diagnose haben will, weil sie Frau Ratte unheimlich gern als Küchenhilfe oder Erntehelfer an den Anus Mundi schicken will, sogar wenn man da noch weniger verdient als Frau Ratte jetzt an Honoraren einstreicht. Hauptsache "Erster Arbeitsmarkt", weil alles andere "assozial" ist. Frau Ratte kann nämlich nach der Krankenkassenreform die 350 Euro Versicherungssumme jeden Monat nicht immer so wirklich aufbringen, muss sie aber, weil das Nichtkönnen zu Nichtversichertsein führt, was strafbar ist. Alles schön und gut. Frau Ratte wird lernen, sich selbst Blut abzunehmen und ins Labor zu schicken, denn der neueste Clou ist jetzt die Selbstdiagnose: "Das hab ich jetzt nicht im Kopf, gucken Sie doch mal im Internet nach, vergleichen Sie die Symptome, und wenn da irgendwas passt, dann schreib ich Ihnen eine Überweisung für ne Darmspiegelung." Vermutlich Medizinerdeutsch "fürn Arsch". Frau Ratte ist also endlich mal echt sauer. ... Link (0 Kommentare) ... Comment Mittwoch, 15. Juni 2011
Frei-Mut.
ratte
17:35h
Gestern liefs mir wie ein kalter Schauer über den Rücken, als in den Nachrichten des Bayerischen Rundfunks folgender Sachverhalt zur Sprache kam:
Die Jobagenturen verzeichnen einer neuen Statistik zufolge im letzten Jahr eine Verdoppelung von aufstockenden Freiberuflern, 150.000 im Gegensatz zu 75.000 aus dem Jahr 2007. Es sei, so ein Sprecher, die Gefahr des Missbrauchs zu untersuchen, das sich Freiberufler ihre Einkünfte ohne weiteres unbegrenzt nach unten rechnen könnten. Daher sei es angebracht, an eine zeitliche Begrenzung der Leistungsbezüge von Freiberuflern zu denken. Im ersten Moment rollte eine Welle von Wut durch mein Freiberufler-Herz. Doch im Lauf des Tages veränderte sich der Nachrichten-Thread folgendermassen: ...die Gefahr des Missbrauchs zu untersuchen, da Angestellte lediglich einen Lohn-Nachweis erbringen müssten, was bei Freiberuflern hingegen etwas komplizierter ist, da sie schwankende Einnahmen mit schwankenden Ausgaben dokumentieren müssen, was kaum nachprüfbar ist... Und wieder rebellierte mein Freiberufler-Herz, denn unterm Strich, das wissen wir alle, muss man die Kalkulation nur ein bisschen vereinfachen, und dann kann man sie auch lesen. Ich kanns schließlich auch, und ich kann nicht einmal gescheit rechnen. Aber: lesen. Doch oh Wunder, bis in die späten Abendstunden hinein veränderte sich der Thread erneut: ...die Statistik gibt allerdings keinerlei Aufschluss darüber, ob es sich um ehemalige Ich-AG-Bezugsinhaber handelt, welche Branchen im speziellen betroffen sind, ob es sich um Bezugs-Inhaber handelt, die auf dem 1.Arbeitsmarkt sowieso keine Möglichkeiten auf Beschäftigung finden, oder was die Ursachen für den Anstieg sind. Der Sprecher des Ministeriums für Arbeit erklärt, ein Grund für die Untersuchung wegen Missbrauchs sei nicht gegeben. Ja da brat mir doch einer einen Storch.... sagte mir ein Mitarbeiter der Jobagentur neulich doch glatt ins Gesicht "die meisten Selbständigen sitzen bei uns, weil sie Probleme mit der Finanzierung der Krankenversicherung haben." Die wiederum haben Selbständige durch die finanziellen Probleme der Krankenkassen, die durch die Krankenversicherungspflicht abgefedert werden sollte, weil Herr Rössler wohl dachte, dass Selbständige einfach zu FAUL seien, sich zu versichern. Sattdessen steigt die Zahl der freiberuflichen Aufstocker, der Zwerg geht also nach hinten los (und nochmal für diejenigen, die das nicht wissen: Selbstständige zahlen diesen KV-Betrag nach Bemessungsgrenze, nicht nach Einkommen, und zwar zwischen 350 und 400 Euro mindestens, egal wie viel sie verdienen, solange sie die Einkünfte überhalb der Bemessungsgrenze nicht überschreiten. Und jetzt kommt mir nicht mit der KSK, auf die ist definitiv kein Verlass in Krisenzeiten). Dass die Zwangs-Dumping-Honorare von Freiberuflern in vielen Branchen zu einem massiven Teil daher rühren, dass seit 2002 vermehrt subvensionierte Ich-AGler und dort angestellte 1-Euro-Jobber und 400-Euro-Jobber die Preise drücken, was gerade 2009 (Wirtschaftskrise bedeutet: weniger Aufträge, in diesem Fall weniger Aufträge für noch weniger Honorar), will auch nicht in die Realität der Sozialgesetzgebung, und schon gar nicht in die von Kunden hinüberschwappen. Was aber das witzigste der ganzen selbstgestrickten Malaise ist: ist ein Selbstständiger trotz Durchhaltevermögen und Kampfgeist erst mal so weit, dass er sich von der Jobagentur subvensionieren lassen muss, ist er soweit am Boden, dass er reif ist für die Psychotherapie (sonst hängt er sich nämlich auf). Eine Psychotherapie kostet rund 500 Euro im Monat, und es ist ausgerechnet diese Art der Behandlung, die zwischen 70 und 80 Prozent der Ausgaben ausmachen, die die Krankenkassen tragen müssen -- und nicht einsparbar sind. Irgendwann kommt irgendwer am besten auf die Idee, die Psychotherapie vom Leistungskatalog zu streichen. Die Folgen wären sicher witzig und hätten sicher marktbereinigende Wirkung, was die Bevölkerungsdichte betrifft. Und ich wäre gespannt, wie man die Selbständigen hier wieder erneut zum Sündenbock macht, bevor man merkt, dass da irgendwo schon wieder ein Denkfehler drin ist. ... Link (0 Kommentare) ... Comment Mittwoch, 8. Juni 2011
Tischbein.
ratte
16:57h
Wer hat eigentlich Tischdecken erfunden? Ich würde ihm jetzt und auf der Stelle gerne mal Meinung sagen.
"Hör mal," würde ich sagen, "diese Dinger sind die Hölle. Draußen fliegen sie einem um die Ohren, und will man das nicht, muss man extra spezielle Klemmen dafür haben -- und beten, dass die Drecksdinger auch an den Tisch passen. Drinnen schmieren die Kinder Nuss-Nougat-Creme drauf sobald man 3 Minuten nicht hinguckt, und dann muss man die Dinger waschen, und weil sie aber nie wirklich sauber werden, wenn man den Hausfrauen-Zaubertrick mit den teuren Spezial-Waschmitteln nicht anwendet. Außerdem ist kein Bügelbrett der Welt gross, und wenn man wie ich das unsägliche Glück hat, welche mit Leinen-Anteil geerbt zu haben, muss man sie vor dem Trocknen dehnen und bügeln, wenn sie trocken sind erneut befeuchten und mindestens von vorne UND hinten bügeln, damit die Gläser nicht umfallen, wenn man sie auf den gedeckten Tisch stellt. Hast du irgendwie Langeweile gehabt, als du dir diesen Scherz ausgedacht hast?". Maul, mopper, stänker. Das Bein des Anstoßens ist in Wirklichkeit der Tisch selbst. Einen Altar (der auch nur ein symbolischer Opfer-Tisch ist) verhüllt man schließlich auch mit symbolischen Leichentüchern. Man kann so einen armen Tisch ja nicht einfach naggich herumlaufen lassen. Züchtig das Bein bedeckt und nur bei bester Rasur in aller Verschwiegenheit entblößt. Dann, wenns ne Schweinerei (oder eine Totenfeier?) gegeben hat. ... Link (0 Kommentare) ... Comment
Besitz des Glaubens.
ratte
16:57h
"Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin."
So in etwa lautete ein Spruch, der in den 80ern. Heute wissen wir: Sprüche verändern die Welt nicht, aber Sprüche machen einem ein schlechtes Gewissen, wenn man entscheiden muss, wie man handelt. Immerhin. Stell dir also vor, jeder könnte Sex haben, aber keiner tut es. In einer Anthologie las ich neulich einen interessanten Satz über die Entstehung des sexuellen Tabuisierung: die (männliche) Religion ziele vor allem darauf ab, Sexualität unter Kontrolle zu bringen, im besten Fall zu ritualisieren (wie im Schabbes), vor allem aber zu kontrollieren (Ehe-Gelübde) und im schlimmsten Fall das böse böse Weib unter Kontrolle zu bekommen, indem man das Weib verstümmele und verschleiere. Denn in einer männlichen Religion, so meine Schlussfolgerung, schafft sich die weibliche Seite Gottes wie der Menschheit notgedrungen ihre Subkultur, da sie ja von vorne herein in der Religion nichts zu suchen hat -- trotz allem notgedrungen aber existiert. Nun, es gibt Gründe, warum Menschen Regeln haben. Die meisten haben ursächlich damit zu tun, dass sich Menschen nicht willkürlich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Doch wer stellt die Frage danach, weswegen Menschen sich potenziell die Köpfe einschlagen -- ausser den Profilern und Kriminalisten, die das längst wissen? Es geht dabei immer um Macht, Habgier, Besitz, Lust, Sex, verletzten Stolz. Was schon mal auch die die Sexualität betrifft, denn solange die Frau oder der Mann zum "Besitz" gehört, rauscht die Gewaltanwendung auch in diese Richtung. Um also Sex zu haben, müsste man erstmal die (männliche) Religion abschaffen? ... Link (1 Kommentar) ... Comment
Cliff Atkinson: "Erzählen statt Aufzählen"
ratte
16:57h
Die Zeit war schon vor 10 Jahren reif für eine Revolution: den Klick im Hirn, der merkt, dass es bei Vorträgen um Inhalte gehen sollte, und nicht um selbstgebastelte Ego-Shooter in Listenform, aufgerüscht mit lustigen Clip-Arts.
Das Buch ist für jemanden, der weiss, was ein "Drehbuch" ist, der weiss, wie visuelle Kommunikation eigentlich ist, unglaublich beschissen zu lesen. Jemand, der sich mit diesen Dingen aber noch nie befasst hat, wird schnell feststellen, dass er besser doch hin und wieder auf einen Designer hören sollte. Denn der Kurz-Ausflug in die visuelle Denke der Übersetzung vom Blah zur Aussage und von dort zum aussagekräftigen Bild ist zwar gegeben, bleibt notgedrungen aber stecken. Trotzdem ganz witzig für jeden, der die Schnautze gestrichen voll hat von Vorträgen, die anöden. ... Link (0 Kommentare) ... Comment Dienstag, 22. März 2011
Niemand vergibt uns, denn wir wissen nicht, wer es liest
DerLektor
10:56h
Man wirft unserer technischen Zivilisation gern Geschichtsvergessenheit vor: wir malmen alles nieder, was den technischen Standards unserer Maschinenwelten nicht entspricht, haben uns angewöhnt, die Welt mit Rechenschieber und Zollstock anzusprechen, geben uns dem Irrsinn hin, was aus den Augen sei, wäre auch schon aus der Welt.
Unsere Datenverarbeitungstechnik erlaubt uns, Mengen an Informationen zu sammeln, aufzuheben und abrufbar zu sortieren, in einem Maße, dass es den Bürokraten im alten Assyrien eine wahre Wonne gewesen wäre. Nur ist diese Technik mit einer unverschämt kurzen Halbwertzeit geschlagen. Wir haben dies beim - inzwischen längst vergessenen (sehen Sie, das meine ich) - Jahr 2000-Disaster gesehen. Riesige Computeranlagen drohten aus dem Ruder zu laufen, weil deren Kalendersteuerung nur mit den letzten beiden Stellen unserer Jahreszählung arbeitet: eine Zählung, die sich buchstäblich in jedem Jahrhundert wiederholt. Dank Handarbeit vielerorts ist der Super-GAU ausgeblieben, die Kernschmelze unserer Zivilisation aufgrund fundamentalen Zeitverlustes unserer Steuerungsautomaten. Aber es geht auch harmloser: Datensätze im Alter von vielleicht zehn Jahren machen bereits Probleme, weil die Maschine, mit der sie erstellt wurden, kaputt ist, und die stattdessen angeschaffte Maschine sie nicht mehr lesen kann. Unsere modernen, so grausam leistungsähigen Speichermedien halten kaum 40 Jahre; solange haben die Israeliten gebraucht, um von Ägypten ins Gelobte Land zu kommen, und dann ging es dort erst richtig los! In vierzig Jahren aber setzt bei uns dann das Große Vergessen ein. Wir haben das schon durchgespielt: In Detroit steht ein wunderbares Gefährt, gebaut gegen Ende der Fünfzigerjahre: man steuert es mit einem Joy-Stick: Lenken, Bremsen und Beschleunigen werden mit Hilfe eines Steuerknüppels in der Mittelkonsole ausgelöst, vollkommen elektromechanisch. Sein Motor, eine Gesturbine, hat eine sagenhafte Leistung, seine Hülle lässt Naomi Campbell (kennen Sie die Dame noch?) schlichtweg erblassen. Der Wagen ist funktionstüchtig, soviel ich weiß, ist er sogar fahrbereit. Aber man kann ihn nicht fahren, niemand kann ihn fahren: denn niemand weiß mehr, wie er funktioniert, und bei Beschleunigungswerten in der Gegend eines Ferrari traut sich das auch niemand, denn das Ding ist wertvoll, unendlich wertvoll: eine Ikone detroitischer Ingenieurskunst. Es könnte kaputtgehen, und dann wäre es weg. Man hätte also eine Gebrauchsanweisung schreiben sollen und Konstruktionszeichnungen herstellen, vielleicht auch sie in Marmor meißeln sollen, oder auf Tontäfelchen. Das haben die Assyrer gemacht, und als ihre Archive abbrannten, wurden die Tontäfelchen ebenfalls gebrannt und so fertig für die Ewigkeit. So wissen wir heute relativ genau über die Höflichkeitsformen der assyrischen Bürokratie bescheid und darüber, was solch ein Haushalt im Jahr verbrauchte. Und: wir wissen zum Beispiel, dass das Volk Israel nie ins Gelobte Land eingewandert ist, ... denn es ist dort niemals ausgewandert!!! Das waren die Ureinwohner, nur der Verein um Moses kam von fremd weit her und brachte eine neue Religion. Allerdings war das mit dem Lesen dieser Tontäfelchen so eine Sache. Denn hätte nicht ein findiger Engländer im diplomatischen Dienst Seiner Majestät, der König(-in) von England, eine Wandinschrift (Bisutun-Inschrift) irgendwo im wüsten Iran minutiös abgeschrieben, entziffert und übersetzt, wüsste bis heute kein Mensch etwas mit jenen rhytmischen Arrangements von rechtsgerichteten Pfeilchen anzufangen. Mit der Schrift kann man also recht weit in die Vergangenheit schauen. Man kann damit auch in die Zukunft weisen, man kann damit gleichsam jemandem in weiter Zukunft die Hand reichen. Denn so ein Text sagt (unter anderem): "Irgendwann einmal vor langer Zeit ist etwas gewesen, von dem Du, der dies jetzt liest, wissen kannst. Und es hat jemanden gegeben, der dies niedergeschrieben hat." - wenn man es denn lesen kann! Aber wer kann das schon? Schrift ist eine Erfindung von vielleicht 4.000 Jahren Alter. Alles, was vorher geschehen ist, bleibt uns lesenden Menschen vollkommen uneinholbar. Ist weg, verschwunden, eingesunken in den Treibsand der Geschichte. Das macht kaum etwas aus, weil die meisten Dinge aus jener Zeit vorher mehr oder weniger ungefährlich gewesen sind - sofern sie einem nicht gerade auf den Kopf oder Fuß fallen oder sich in Gestalt von Schimmelsporen (Das Grab von Tut-Anch-Amun) anderweitig auf die Gesundheit legen. Nun sind die Erbschaften unserer Zivilisation von bei weitem brenzlicherer Natur. Und sie sind haltbarer! Und damit beginnen Probleme für unsere technische Zivilisation, für die uns bislang noch keine technische Lösung eingefallen ist, die in irgendeiner Weise der Maxime vom "Aus dem Auge, aus der Welt!" entspräche. In Russland rosten die Atommeiler einer U-Boot-Flotte vor sich hin, die niemand mehr braucht, in Three-Miles-Island kühlt ein Atommeiler sehr, sehr, sehr langsam ab und strahlt vor sich hin, in Tschernobyl tut dies ein weiterer, und demnächst werden es in Fukushima/Japan einige nicht genau gezählte ebenfalls tun. Dieses Sehr, Sehr, Sehr ... Langsam übersteigt in seiner Tatsächlichkeit bei weitem die Leistungsfähigkeit technologischen Vergessens: selbst wenn man diese Dinger einfach vergräbt oder versenkt oder unter eine andere Oberfläche schafft, die ähnliches leistet wie der sprichwörtliche Teppich, so werden Leute unweigerlich krank, wenn sie auf jenem Teppich laufen, Lebensmittel ungenießbar, die dort wachsen oder drüberlaufen - weil die Menschen, die sie essen, davon ebenfalls krank werden, gleich so, als ob sie selber drüberlaufen würden. Sie werden nicht nur ein bisschen krank, sondern meist todsterbens- und unheilbar krank. Und jetzt kommt die Keilschrift wieder ins Spiel: es läge in unserer Verantwortung, den Menschen der Zukunft die Hand der Schrift zu reichen und ihnen mitzuteilen, was dort ist und was ihnen geschieht, wenn sie sich dort aufhalten. Aber wir können es nicht, vielmehr, wir werden es nicht können!!! Die Schrift ist eine 4.000 Jahre alte Kulturtechnik der Kommunikation. Der Reaktor von Tschernobyl wird aber 20.000 Jahre strahlen, d.h. Menschen werden 20.000 Jahre lang todsterbens- und unheilbar krank werden, wenn sie den Teppich betreten. Man wird also 5x solange den Menschen sagen müssen, was dort ist, 5x solange als es die Schrift gibt. Nun legen Sie einem Studenten - einem gebildeten Menschen also - eine Originalausgabe von Karl Marx' ersten Veröffentlichungen hin. Er kann die damals, vor 150 Jahren also, übliche Druckschrift nicht mehr lesen! Da bilde sich doch bitte niemand ein, wir könnten ein Kommunikationsmedium erfinden, das 20.000 Jahre lang funktioniert! Dass an den oben genannten Orten etwas sehr, sehr, sehr Wichtiges - etwas Überlebenswichtiges sogar - sich befindet, werden wir keine zwanzigtausend Jahre lang kommunizieren können. ... das müssen wir aber, denn was dort liegt, darf niemand vergessen !!! ... Link (0 Kommentare) ... Comment Freitag, 4. März 2011
Historische Grundlagenforschung, Kap. 142
ratte
17:28h
Es gibt Sandalen. Welche für Männer, Frauen, Kinder. Sandalen für die Stadt, modische, klassische, schicke, grottenhässliche... und es gibt welche zum Wandern.
Das wäre dann die so genannte Wan-dale. ... Link (0 Kommentare) ... Comment
after work
DerLektor
10:51h
Ich kenne Florian sehr gut; manchmal scheint er mir geradezu näher als ich selbst mir bin. Dennoch muss ich gleich vorausschicken: wir sind einander niemals begegnet, sodass die Verwunderung darüber durchaus berechtigt ist, wie ich um seine Geschichte wissen kann.
Nun, dies wird sich im Verlauf ebenjener Geschichte von selbst aufklären, ich darf also dem Erzählen den Weg zu dieser Erkenntnis überlassen. Ich tue dies mit dem größten Vergnügen, denn ich kenne keine vergnüglichere Erkenntnis denn die im Erzählen aufkeimende und möchte dies niemandem vorenthalten, der sich mir zuneigen mag. Wir sind einander nie begegnet, hatten also auch niemals die Gelegenheit, einander zum Freund zu werden. Wir haben auch nie ein Wort miteinander gewechselt. Jemand hat das Leben einmal einen langsamen breiten Fluss genannt. Tatsächlich erzähle ich die Geschichte von Florians Leben, denn sie wird Florian bis zu dessen Tod begleiten. Sein Tod hat mich selbst überrascht, zumal damit eigenartig genug das Erzählen keineswegs aufhörte. Trauer über Florians Tod wäre also unangemessen und findet deshalb angemessenerweise nicht statt. Vielleicht wäre »Tod« ohnedies das falsche Wort, um Florians Ende zu benennen; weshalb ich dem Benennen gleich zu Beginn ein Ende bereiten will, denn es führt zu nichts außer einer Anhäufung von Vokabeln, deren Bedeutung ohne eigenes Erleben ausbleibt. Möchte also auch hier das Erzählen leisten, was dem Wörterbuch notwendig misslingt. Der Fluss. Er trennte und verband uns. Wir sind stets auf Sichtweite an seinen beiden Ufern entlanggegangen, konnten einander zusehen, manch-mal auch zuwinken. Doch ist er immer drüben geblieben, ich hingegen immer hier: dort, wo ich noch immer stehe. Der Fluss hat sich verändert. Er erschien mir wirklich langsam, breit, schier unbewegt in Florians Begleitung. Schien eher einem Kanal gleich denn einem Fluss: von irgendjemandem gewollt und gemacht, von eigenartiger Vorhersehbarkeit und dennoch fremd bis zum Grund. Fremd sich selbst und fremd auch mir. »Fluss« kannte ich nur von Mark Twains Mississippi, nicht jedoch aus eigener Anschauung. Florians »Tod« hat diesen Mississippi aus den Ufern jenes Kanals überquellen lassen. Fremd noch immer, aber lebendig, eigensinnig, um jede Kurve herum neu und anders. Gefährlich und aufregend. Jetzt erscheint mir jene Wasserfläche eher wie ein Ozean, an dessen Strand ich entlanggehe – »spazieren« wäre mit zuviel Gleichgültigkeit den Schritten gegenüber verbunden und deshalb das falsche Wort, auch wenn ich viel von Florians Gangart übernommen habe. Das andere Ufer ist verschwunden, und ich schaue nur noch selten dorthin, wo es einmal gewesen ist. Ich liebe es noch immer, auf das Wasser hinauszuschauen, denn ich verehre den Raum und lasse mich gern von der Weite bezaubern. »Tod« wird stets mit Verlust verbunden. Florians »Tod« bedeutete durchaus einen Verlust: das andere Ufer ist verschwunden. Ist es ein Verlust, wenn Raum und Weite ihre Grenze verlieren? ... Link (0 Kommentare) ... Comment Freitag, 25. Februar 2011
Die Guttenberg-Pizza
DerLektor
00:10h
Worin eigentlich besteht der Unterschied zwischen dem ungefragten, unerlaubten und unbezahlten Herunterladen eines meisterhaften Fotos aus dem Internet zum Schmuck für den eigenen missratenen Flyer (man kann halt doch nicht, was man mit Photoshop könnte) und einer ungesetzten Fussnote?
Ich nehme mir etwas, das mir nicht gehört und tu' so, als wäre es meins. Mit dem Bild erklaue ich mir wirtschaftlichen Erfolg (wenn ich das wirklich kann, was ich auf dem Flyer könnte), mitohne die Fußnote erklaue ich mir eine Würde, die mir nicht zusteht. Es gibt weniges auf dieser Welt, das so eigen zu seinem Schöpfer gehört wie das Geistige. Und weniges tut dem Schöpfer geistiger Dinge so weh, als wenn er sie als Leistung eines Anderen mit ansehen muss. Da tut es kaum etwas zur Sache, ob dieses Geistige ins Materiale überspringt wie bei einem Gemälde, einem Buch oder dem Design für eine Webseite, oder ob es ewig geistig bleibt wie ein gesprochener Gedanke (geht das denn überhaupt anders?), den ich gehört und im nächsten Gespräch als meinen ausgebe. Es ist eine Form von Versklavung, die jemand da betreibt, wenn er sich der existentiellen Mitte eines anderen räuberisch bedient - möglichst noch, ohne ihn vorher zu fragen. Ich habe das selbst durchlebt und durchlitten, als einer meiner Kunden - ja, ich bin tatsächlich ein Lektor im richtigen Leben - im Verlauf der Auftragsabwicklung versuchte, mich zum Ghostwriter für seine Dissertation umzufunktionieren. Seine Vorlage war schlecht, wäre nicht einmal als Seminararbeit durchgegangen. Ich hingegen hätte das Opus mit Leichtigkeit schreiben können, denn es war mein Leib-und-Magen-Thema: ich erkannte sofort die notwendige Argumentationsstruktur. Aber ich spürte, wie mir mit jedem Wort die Hand zäher und der Füllhalter schwerer wurde. Ich war dabei, meine persönliche wissenschaftliche Leidenschaft (sowas gibt's: KANT verstehen (!) ist wie tantrischer Sex) in etwas zu setzen und für sehr schlechtes Geld wegzugeben. Das tat weh. Das tat höllisch weh, es tat so weh, dass ich den Auftrag wieder zurückgab - wortlos. Ich verschwand, bevor ich verschwunden worden wäre: unter dem Doktortitel eines Anderen, der nicht denken konnte und niemals einen Doktortitel verdient hätte. Was hier geschieht, ist kein Spaß. Allerdings sind es nicht nur die von/zu Guttenbergs, denen dafür alles Greifbare langgezogen gehört: es ist J e d e r, der sich am von Anderen Gemachten vergreift, um es sich an die eigene Brust zu heften. J e d e r !!! - Auch der Pizzabäcker, der sich die Logos aus dem WWW klaut. Der heißt zwar nicht Guttenberg, aber er gesellt sich lustvoll dazu. ... Link (0 Kommentare) ... Comment ... Nächste Seite
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last updated: 30.10.11 18:56 Youre not logged in ... Login
I-Zender. Das Schrauben an neuen
Computern aufm Schreibtisch war ja noch nie unbedingt so mein...
by ratte (30.10.11 18:56)
Frau Ratte ist SAUER. Seit
Jahren hat Frau Ratte eine ganze Sammlung von gesundheitlichen Problemen,...
by ratte (27.09.11 10:35)
Frei-Mut. Gestern liefs mir wie
ein kalter Schauer über den Rücken, als in den Nachrichten...
by ratte (15.06.11 17:35)
Vom Frieden unter den Altären
Nein!
Gott/Göttin und Sexualität vertragen sich nicht an einem Ort,...
by DerLektor (08.06.11 17:52)
Tischbein. Wer hat eigentlich Tischdecken
erfunden? Ich würde ihm jetzt und auf der Stelle gerne...
by ratte (08.06.11 16:57)
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