Sonntag, 7. Februar 2010
Testament machen müssen.
Der Autor Stieg Larsson, so meine TV-Zeitung, ist nicht nur seit 6 Jahren tot, er war auch lebenslang Dauerpleite, eigentlich Grafiker bei einer Zeitung (so wie ich einige Jahre), exzessiver Schreiber (öhm...), ernährte sich von Koffeein und Nikotin (hüstel), verfügte über einen auffälligen Hang zu Gerechtigkeit und politischem Einmisch-Tick (schwitz), bevor er eines Tages einfach tot umfiel, weil ein Aufzug ausgefallen war. Und er hat daher Zeit seines Lebens von seinem heutigen Erfolg garnix gehabt.
Bisher hielt ich mein Leben für ansatzweise überlebenswert, jetzt krichich aber Schiss, denn hin und wieder ein Glas Rotwein (soll gesund sein) wird den unausweichlichen Tod durch Schreiben nicht aufhalten, oder?

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Mittwoch, 3. Februar 2010
Blindenschrift-Übersetzung.
Die lernen jetzt Blindenschrift und mussten ein gehüggeltes Gedicht in Normalschrift übersetzen.
Jetzt muss ich ihn nur noch davon suchen zu überzeugen, dass das Gedicht nich von Joachim Gingelnatz is.

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Dia-(b)Log.
wenn im dunkeln das reißen des himmels ertönt
wenn im licht jeder flug uns zerreisst
wenn im schwarz einer nacht unser blut es ersehnt
wenn das licht uns vereist und verspeist
wenn der herr uns vergibt
wenn der herr uns verstößt
gehn wir unter

so die nacht uns verschlingt da im mondenschein,
so der tag uns zerreisst in der luft
so die tiefschwarze nacht gießt uns liebe ein
so die sonne die liebe ruft
geht das schiff uns verloren
geht das laster an land
gehn wir unter

kannst du singen vom blut, kannst du singen vom leid
kannst du singen vom singen der wälder
kannst du sehn wie der himmel im sterben schreit
kannst du sehn die goldenen kälber
wenn das wasser verzischt
und die gischt uns erwischt
gehn wir unter

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Versmaß.
Als hätt ich sonst nix zu tun. (Jetzt grad wart ich auf meinen Haustheologen, damit wir die Uni-Bib überfallen gehen können, der hat heute ein Auto, das muss man ausnutzen!)
Statt sinnvolles durchs Gebälk zu schieben, denk ich jetzt in komischen Versmaßen, deren Namen ich mich nicht mehr erinnere. Nur daran, dass ich das Epochenheft zur "Poetik" komplett in Reimen geschrieben hab, als wir das in der Schule hatten. Schon ein schräges Gefühl durch den nächtlichen Frost zu stapfen mit Milchtüten und Fleischwurst in der Tasche (irgendwann bin ich schneller als Kind 1 und krieg doch noch mal wieder einen Eintopf und Milchkaffee gebacken), und schwarzflügelige Reime zu erfinden.
Jaja... zu viele alte Griechen gelesen in letzter Zeit. Euripides rockt höllisch dionysisch, das bringt Leute wie mich auf dumme Gedanken.

Im näxten Leben weddisch Discht.

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Kaufhut.
Fernsehen ist nicht gut. Die geben Autorenhinweise, und dann muss man herumrecherchieren, was diese Autoren so alles geschrieben haben, findet unheimlich viele neue Bücher die man ganz dringend lesen muss (Cassierer, Foucault, Arndt, Sloterdijk, Levi-Strauss, Benjamin, Bartes, Rousset, Duby, more Mulack), kriegt einen Hyperventialtionsanfall nach dem anderen, und stürmt dann die nächstbeste Bibliothek. Virtuell natürlich. Man muss ja erst mal gucken was die da so rumstehen haben, und ob man es auch ausleihen kann.
Und man MUSS es ausleihen, denn im Handel kostet meine Liste schon wieder 200 Euro, und das seh ich grad jetzt nit so wirklich ein, die ausgeben zu müssen, nur um mein Hirn sexuell zu befriedigen.

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Donnerstag, 28. Januar 2010
Querdenken.
Früher, in den alten Tagen des letzten Jahrtausends, kam ein neues Wort auf, dass kreatives, innovatives Denken bezeichnete: das Querdenken. Aber wie das mit subversivem Gedankengut so ist: es wird assimiliert und hoffähig gemacht, indem man das Wort nimmt und neu umdefiniert in sozial verträgliches. Seitdem handelt es sich bei Querdenken vor allem um ein Denken, dass sich selbst quer im Wege steht.

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Davos.
Wie schön dass wir nun endlich den Beweis für eine seit langem vermutete Tatsache haben: deutsche Manager sind reif fürs Arbeitsamt. Und in der Tat, wer möchte nicht mal gerne mit ihnen Schlitten fahren gehen, und zu irgendwas muss ja auch so ein Holz-Schlitten gut sein in den Wintern der globalen Erwärmung.

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Donnerstag, 21. Januar 2010
In Love with Scott McCloud.
Man bat mich also, ein Seminar übers Comiczeichnen abzuhalten. Abgesehen, dass sowas runtergeht wie Öl (und kein Mensch weiss, ob es genug Teilnehmer geben wird sodass der Kurs überhaupt stattfindet), schält es ein uraltes Phänomen der Comiczeichnerei frei: fehlende Literatur.
Als ich noch jung und Schlafentzug durch Überarbeitung für eine lustige Droge hielt, und in diesem Zustand seufzend über meinen Texter geflucht habe (Verbal-Polit-Erotik von einem Texter, der sich für Dirty Harry hält ist ziemlich blöd in Panels zu packen), gab es da nur ein einziges Buch: "Comics richtig lesen" von McCloud. Mittlerweile ist auch der Klassiker von Will Eisner übersetzt worden. Aber forscht man weiter, findet man wieder nur: McCloud. Mit zwei anderen Werken, das jüngste nennt sich "Comics machen". Und ist uneingeschränkt empfehlenswert.

Was wieder deutlich wird: als Comiczeichner muss man entweder Masochist oder bekloppt sein (offenbar hab ich von beidem was). Comics zu machen ähnelt der Zwangsneurose, Geschichten zeichnen zu MÜSSEN. Die Zeichnerei ist nicht nur komplex (die meisten stellen sich da schnell hingeworfene Meisterwerke vor, und wissen nicht, dass es wirklich harte, manchmal zermürbende Arbeit ist), sie kettet einen auch noch für lange Zeit am Zeichentisch fest, und "bricht einem das Herz", wie es der Peanut-Erfinder Charles Schulz einst sagte.
Didaktisch relevante Literatur gibt es überhaupt keine. Nicht einmal in anderen Sprachen, wenn ich McCloud Glauben schenken will, und ich weiss aus eigener Erfahrung, was Gestaltungs-Professoren und andere gebildete Menschen vom Comic an sich denken. Dass es sich dabei im Prinzip um die Urform der non-verbalen Kulturdokumentation handelt, die sich den Mitteln der Kunst, des Films, der Illustration und der Literatur gleichermaßen bedient (und ergo beherrschen muss, incl. deren Technik in Aufbau, Struktur, Spannungsbogen, Dialektik und Grammatik), steht dem entgegen. McCloud dokumentiert Prinzipien, die visuelle Erzähltechnik entfusselt, und hilft mir nun gleichfalls, mein didaktisches Konzept zusammenzustöppseln und zu vervollkommnen.
Denn wenn ich was weiss, dann, dass sich Comiczeichnen nicht aus dem Buch lernen lässt, das muss man TUN. Ich hätte mir wenigstens ein BISSCHEN Anleitung gewünscht. Warum eine Sequenz zu unübersichtlich ist. Oder zu dicht. Und wie man Texte gescheit kürzt. Was aber die für mich relevante Quintessenz des frisch ausgelesenen Buches ist, steht erst auf der letzten Seite in den Anmerkungen:

1. Lerne von Jedem.
2. Folge niemandem.
3. Versuche, die Struktur zu erkennen.
4. Arbeite wie besessen.

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Drei große Fragezeichen und ein schreiender Wecker.
Nennt mich Wecker-Killer.
Es gibt Menschen, die werden nicht zu den gewünschten Zeiten wach, weil sie über ein wirtschaftlich inkompatibles Bio-Rhythmus-System verfügen. Das gilt für rund 80% aller Kinder zwischen 3 und 21 Jahren und für rund 20% der Erwachsenen. Die meisten Menschen mit diesem Problem arbeiten in Berufen, die in dieser Hinsicht kompatibel sind. Was allerdings niemals kompatibel ist, ist die Schule. So, wie die meisten Kindergärten und Kindertagesstätten mit Berufen wie dem meinen völlig inkompatibel sind (welche Kinderbetreuung hat bis 22.00 Uhr geöffnet?!), so sind es die Schulen. Und für Leute wie mich bedeutet das: beständige Disziplinierung unter Aufbringen nicht nur kreativer, sondern auch kräfteraubender Ressourcen.
Und es bedeutet: ich sammle Wecker.
Batteriebetriebene Höllenmaschinen, Funkwecker, Radiowecker, Wecker eben. Derzeit sind es nur noch vier plus die Weckfunktion vom Handy (die aber zu leise ist um mich wach zu kriegen, immerhin muss ich mitten in der Tiefschlaf-Phase wach werden, da braucht es schwerere Geschütze als sanftes Piepen), denn es hat sich herausgestellt, dass nicht jeder Wecker das hält, was er verspricht (einer davon klingelt aus Prinzip nur Donnerstags nicht, der andere wird an Dienstagen zum Schweighöfer). Ich habe keine Ahnung, wie viele Wecker ich schon weggeschmissen habe, weil sie aus dem für mich nötigen morgendlichen Radau (der durchaus an das ???-Hörspiel erinnert) verweigert haben. Was letztlich zu einer Wecker-Hysterie führte. Manchmal bleibe ich die ganze Nacht lang wach, um zu überprüfen, ob das Ding schreit, oder ich nur wieder nicht davon wach geworden bin (also meist von Montag auf Dienstag und von Mittwoch auf Donnerstag). Meist klingelt der Wecker tatsächlich nicht, und dann muss ich einen neuen kaufen.
Und ich bin immer auf der Suche nach den Höllenmaschinen der 60er und 70er Jahre, auf Flohmärkten, in Gebrauchtwaren-Läden. Und ich denke, ich werde mir das Wecker-Sammeln zum Hobby aufbrezeln. Was Warmes braucht der Mensch halt.

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Donnerstag, 31. Dezember 2009
Life-Gaming Next Step.
Festplattendaten rekonstruieren. Lustige Angelegenheit. Anstatt sich also in der Wanne zu aalen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen, formatiere ich im Accord die alten Texte neu. Man kann sie nicht bearbeiten in einer nicht vorhandenen Formatierung.
Frustrierend genug, dass es trotz allem eine Menge Adressen, Telefonnummern und e-mail-Adressen nicht zurück ins Leben schaffen. Hat sowas einen Sinn? Welchen Sinn hat der Verlust von Text?

Das Jahr geht zu Ende, und bekommt eine neue Datumsgrenze. Irgendwie abstrakt fürs Empfinden, dass das "Neue Jahr" erst in ein paar Wochen, Monaten empfinden wird. Bis März dauert es noch was. Nach Feiern ist mir durchaus nicht zumute, denn auch Ende Dezember ist nur das Ende eines ganz profanen Monats, und da stehen Miete, Versicherung und Lebenshaltungskosten-Überweisungen an wie sonst auch. Es ändert sich nur eine Zahl. Eine auf den Papier, keine symbolische.

Üblicherweise ist heute der Tag, an dem sie sich überschlagen mit Jahresrückblicken und Hitlisten (das häufigste Wort, der dollste Song, das beste Buch, der schönste Moment), aber das haben wir ja dank RTL das ganze Jahr über. Der Fernseher ist aus, und er wird es bleiben. Ich habe keine Hitliste zu schreiben (bis auf den schlimmsten Moment: dem Sterben zusehen, während man eine Bewerbung schreiben muss und so tun, als wäre man selbst die Lösung für ein Problem). Der beste Moment war jener, in dem das Vicodin zu wirken begann und ich für einen Moment glaubten wollte, es könne tatsächlich eine Erlösung geben, die einem geschenkt wird. Nicht wirklich hitlistentaugliche Momente.

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