Donnerstag, 18. September 2014
Kulturfiguration.

Kultur als Freizeitbapperl. Literaturherbste, Liedersommer, anständige Garderobe voraussetzung, Künstlergespräche, Museumsreisen... und jeder Pfosten meint, ich gehöre zu dem Verein, weil ich Bilder male, Texte schreibe und so ab und an mit einer Gitarre in der Hand herumspiele. Und ich hab nahezu immer das Gefühl, ich bin da falsch. Ganz falsch. Vor allem wenns um die Kleider- und Benimmfrage geht. Oder ums "Marketing".

Kultur als Streitfrage. Da gibt es die Definition über Herrn Dawkins, der Meme als Kulturträger sieht, was dann gleich eine ganze Generation anderer Schreiber widerlegt, alle anders. Oder noch besser: in der klassischen Kulturtheorie, von der in meinem Arschäologiebuch die Rede ist, streiten sich zwei Lager bis aufs Messer. Les ich diese Theorien durch, komm ich mit beiden nicht klar.

Am besten jedoch gefällt mir die Annäherungsdefinition von Boyer (wow is der brillant) der sacht: Kultur is das, was bei Menschen Ähnlichkeiten aufzuweisen hat, und kein Adäquat in der Tierwelt findet. Poppen an sich ist also keine Kultur, es auf dem Küchentisch zu tun dann schon eher. Nicht essen, sondern einen Esstisch haben und auch benutzen.

Und dann ist mir wieder eingefallen, wann und wie man plötzlich mein vermeintliches Zeichentalent entdeckte. Zeichnen können viele, nur zum Üben sind die Meisten halt zu faul. Und meine erste Dauerübung bestand darin, selbstgeschriebene Geschichten zu illustrieren. Die zweite darin, die zu Karfreitag in Aix-en-Provence gestohlene Familien-Kamera mit dem Zeichenstift zu ersetzen. Kameras werden geklaut, lernte ich, Zeichenbücher eher nicht, also wurde das Zeichenbuch mein Begleiter. Nicht die Kamera.
Dann kam das Studium, da MUSSTE ich zeichnen, vor allem musste ich mich mit KUNST befassen, und fand das furchtbar albern. Künstler fand ich albern bis auf einen, und für den war Malerei nur eine Spiel-Variante der Musik -- denn er war furchtbar unmusikalisch, obwohl er in Musik dachte, fühlte, sah. Und sieht man mal von Beuys ab, konnte ich mit Kunst nie was anfangen. Und statt in der Werbung erfolgreich zu werden heulte ich der Ignoranz des Völkerkundemuseums Frankfurt nach, statt der üblichen Experimental-Diplomarbeit entsand schon aus Protest heraus die Graphic Novel, dem dritten maßgeblichen Dauerübungsding.

Heut sitz ich dann aufm Balkong, und guck den Wimpeln beim Flattern zu, da kommt mir: ich hab den Buddelwahn, Zeichnen ist eher die Alternative zur Fotografie, auch beim Comic gehts mir nicht so sehr ums Zeichnen sondern eher um die Ausdrucksmöglichkeit als Geschichte, und Kultur ist ja schön und gut, aber dann bitte mit der mir eigenen Fangfrage, die ich mir stelle seit ich 5 bin: warum zur Hölle soll ich an einen Gott glauben? Warum glauben Menschen? Wie tun sie das? Was passiert da mit ihnen? Wieso ist es so wichtig, sich immer die Haare zu kämmen? Was ändert das an der Fähigkeit Auto zu fahren oder Kohlrabi zu pflanzen?

25 Jahre Existenznöte haben, wie ich merken, ihre Spuren hinterlassen, und ich frage schon kaum noch nach den Zwangsidiotien, die man versucht sich dann einfallen zu lassen, nur um irgendwie genug zu Essen für seine Kinder zu haben, ein Dach überm Kopf, damit sie nicht kommen und einem die Kinder wegnehmen. Seit 20 Jahren rennt mir nur dieser eine Gedanke durch den Kopf, und verursacht hin und wieder merkwürdige Konzepte wie "versuchs doch mal mit dem Coachen von Leuten, die dafür auch bezahlen".
Der Weg des Regenbogens, das LIED des Regenbogens ist nicht zu singen für die Welt. Das ist das Lied, das ich hätte aus meiner Kindheit retten müssen, wenn das denn möglich gewesen wäre. War es aber nicht, und es war gut so. Nur so hab ich gelernt, dass es nicht die Haare sind, die, wenn man sich nicht kämmt, einem Anderes verbauen, sondern die innere Haltung zum Haarekämmen, die Anderen signalisiert, dass man nicht ähnlich sein möchte. Weil man tatsächlich nicht ähnlich sein möchte, sondern nur die Fragen beantworten will, die einem unter den Nägeln brennen. Puzzeln. Graben. Buddeln. Wissenwollen. Da ist Ähnlichseinwollen erstmal echt Nebensache und kann einen kreuzweise.

Und die Kultur? Anstatt Definitionen zu finden die auch nichts erklären, geh ich ma besser Wäschefalten, da kriegt man ein paar Minuten einen freien Kopf von.

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