Sonntag, 27. Juli 2014
Ya àka-ee.

Und als ich die Sache mit Gott und seinem Reich verstanden hatte, kam eine große Ruhe über mich, und zu meiner Linken erschien eine blaue Gestalt, lang und schmal, lächelte und sprach ohne ein Wort: nun hast du es begriffen.
Dann erschien eine gelbe Gestalt vor mir, und eine Weiße zu meiner Rechten. Und die Gelbe sprach ernst und ohne ein Wort: Wechselnde Frau, nun schreite und vergiss nicht. Und die Weiße Gestalt ließ die Blätter rascheln: es ist gewesen und geworden, nun flieg und singe.
Dann legte die Schwarze Gestalt ihre Hände auf meine Hände und schwieg.

Frisch amputiert, am Ende wie am Anfang, blutende Nieren und gebrochenem Herzen saß ich da also, angetan mir diesem uralten knallroten Arbeitsanzug voller Farbe, im Begriff mit der Flex den Rost an meinem Schrottstück zu entsorgen.
Agendapunkt um Agendapunkt abschrubbend wie ein Sklave hatte ich zu lange nicht mir selbst gehört, starb vorletzte Woche, und darf langsam, ganz langsam wieder etwas werden, von dem ich keine Ahnung habe, was am Ende dabei rauskommt.

Glaube ist auch nichts weiter als Selbstversklavung, verschraubt einem die Wahrnehmung zum Tunnelblick, der einen nicht erkennen lässt, dass man für den globalen Weltuntergang selbst verantwortlich ist.
Dem Ein-Ei-Gott-Glaube mag besonderer Dank gelten für seinen Erfolg, jene in die Hölle geschickt zu haben, die dieses neoliberal-dogmatische Spiel mit der Macht nicht mitspielen wollen oder können.

Glücklich grinste mich die Amsel an, von einem Bein aufs andere hüpfend, nachdem sie den Kohlweißling gefressen hatte, im vollen Flug beinahe. Die Amsel wohnt oben am Bohnenzelt im Gebüsch, und die Kohlweisslinge züchte ich so ein Bisschen auf meinen Kohlrabi-Beeten. Ganz zur Freude meiner Nachbarn.

... Link (1 Kommentar) ... Comment


Donnerstag, 26. Juni 2014
Design: Mask and Face.

Zur Zeit kämpfe ich mich durch ein Buch über "Oral Traditions", mündlichen Überlieferungen und ihrer Bedeutung für die Kulturwissenschaften. Das nimmt gerade ganz unwitzige Blüten an, denn alle Bücher zu dem Thema die ich habe finden können, gibbs nicht in deutscher Übersetzung. Ausnahme bildet nur Jan Assmann, der sich mit seiner Arbeit über mündliche Tradierungen beinahe seinen Ruf bei Archäologen versaut hat (Archäologen mögen keine Kulturwissenschaften, weil zu spekulativ), wenn ich dem Lehrschinken "Einführung in die Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie" trauen darf.
So, wie es anständige Konzeptbücher für Designer auch nicht in deutscher Sprache gibt, wenn sie sich nicht auf Grafik an sich beziehen.
Nun stolperte ich aber beim Lesen des Ur-Standartwerkes über mündliche Überlieferung über das Wort "Design". Design, freilich nicht verwendet im Sinne von "Grafik", sondern im Sinne von "Entwurfsarbeit zum Erarbeiten von Methoden der Dokumentation".
Aha, und jetzt verstand ich.

Im englischen Sprachraum bedeutet "Design" etwas völlig Anderes als im deutschen Umgangssprech, der unter "Design" das Wort "Zeichnen" versteht, ein anderes Wort für "Kunst" vermutlich. Für den Deutschen sind Designer Leute, die Bilder benutzen, manchmal herstellen, also quasi Künstler für werbliche Zwecke.
Studierte man früher "Design" (wie in meinem Fall "Kommunikations-Design"), lag der Schwerpunkt definitiv nicht auf dem Erstellen, sondern eher im Analysieren von Bildern. Die meisten Leute fallen auch heute noch rückwärts vom Stuhl, wenn ich sage "klar, Wittgenstein, Sontag, Benjamin, Barthes, die Jungs kenn ich seit dem Studium, das gehört als Grundlagenwissen zum Komm-Design..." -- und nach wie vor versteht keiner, wenn ich auf die Frage "und -- was macht die Kunst?" nur antworte "keine Ahnung, hängt im Museum fürchte ich". Ich hab den Sinn dieser Frage jetzt erst verstanden, nach über 20 Jahren Martyrium und Erklärungsnotstand.

Für Franzosen wie Amerikaner oder Engländer scheint es eine völlig klare Sache zu sein, dass "Design" nicht wirklich was mit Kunst zu tun hat, sondern eine eher konzeptionelle Ingenieursarbeit repräsentiert. Was sie -- in meinem Fach zumindest -- definitiv IST. Nein, ich sehe mich nicht als Grafiker, selbst wenn ich statt Hammer und Meissel mit Bleistift und Photoshop arbeite. Ein Brückeningnieur sitzt schließlich auch in einem Büro und PLANT mit Hilfe seiner CAD-Software oder ähnlichem Zeug seinen Kram, der ist kein Schweisser (hätte er das Schweissen gelernt, gäbe es weniger frustrierte Maschinenbauer).
Deutsche hingegen kriegen das irgendwie nicht auf die Reihe. Warum, will ich gar nicht mehr wissen, vermutlich weil das Wort nur den italienischen Ursprung von "designo" = "zeichnen" erklären, ohne im Hier und Heute anzukommen, und schlimmer noch, nicht darauf hinzuweisen, dass auch Landkarten und Baupläne zu jener Zeit "Designos" gewesen sind. Man bleibt hängen bei der mechanischen Tätigkeit, für die man kein Hirn braucht. Die man nicht einmal üben muss (ich spreche selten vom "Zeichnenüben", bei notorischen Zeichnern heisst das "Trainieren").
Dieser ganze Umstand erklärt mir aber letztlich, warum ich die wirklich interessanten Arbeitsansätze und Bücher nur auf Englisch bekomme. Ausnahme bildet offenbar nur eine Titelauswahl rund um Kunst und Farbe, neulich erstanden für Appel und Ei. Las ich meinem Kind vor, welches dann lachte und fragte "und das verstehst du?!". Ja, tu ich. Und ich habe den Verdacht, dass das Buch "Farbe im kunst- und kulturhistorischen Kontext" von Gage nur deswegen ein deutsches Billigpaperback geworden ist, weil es jeder Torfkopf im Regal stehen hat. So wie Hawkings "Kleine Geschichte der Zeit" -- jeder hat das Ding, aber keiner hat es gelesen. Auflage sagt nix über das Buch und seinen Inhalt selbst, scheints.

Früher studierte man Design (früher weil: seit Bologna bin ich mir nicht mehr so sicher, ob man den Kollegen noch das Denken beibringt, wenn ich mir die Studienarbeiten der Gegewart angucke) im Sinne der offenbar internationalen Bedeutung vom "Entwurfskonzept", in einem Land, welches das Wort Design völlig anders interpretiert. Das Bachelor-Studium allerdings zielt ab auf die deutsche Bedeutung.
Somit ist nicht nur das Diplom ausgestorben, sondern auch die eigentliche Bedeutung von "Design". Daran hat auch ein Schlagwort wie "Design-Thinking" nichts genutzt, sowas nützt nie was, wenn man weder weiss was Design ist, noch was Denken ist, und dass "Denken" nicht notwendigerweise mit "Ideologieproduzieren" zu tun hat.

Interessant: die Beschäftigung mit der mündlichen Überlieferung gibt mir jetzt Analysemethoden in die Hand, die darauf beruhen, dass man die Lücken zwischen "Mask and Face" findet, da sie den Hinweis geben auf die Relevanzen sozialer wie historischer Bedeutung. Das ist in Deutschland ein Tabu, hier glaubt man beständig daran, dass die Persönlichkeit sich ausschließlich durch die Wirkung auf Andere definiert.
Kein Wunder, dass man unter Design eher die Maske versteht, nicht das Gesicht dahinter. Und kein Wunder, dass jeder Versuch des Antastens dieser Maske als Angriff auf die kulturelle Identität dieses Landes und seiner Bewohner begriffen wird.

... Link (1 Kommentar) ... Comment


Montag, 26. Mai 2014
Gelübde.

Manchmal denke ich, das ich einen gewaltigen Batscher habe. Nicht wegen weil der Paranoia wegen mit dem Mund staubsaugende Krabbelkinder oder sich selbst vermehrende Agendapunkten (das machen die wirklich!!!). Sondern weil ich unfähig bin, gewisse Dinge im Leben nicht zu analysieren, zu abstrahieren, und dann wieder gleich eine sozio-philosophische Grundsatzdiskussion in Thesenpapiere einzutackern, dass es nur so kracht.
Mei-Ne-Gü-Te.

So habe ich neulich eine Merkwürdigkeit entdeckt.
Dass Menschen, die viel Geld haben, generell nicht über Geld sprechen, is ja eigentlich kein Geheimnis. Leute mit Geld meinen immer: entweder hat man es, oder man hat es eben nicht, und nur Idioten die keines haben und sich einen Kopf machen über dieses Thema, darüber womöglich auch noch offen sprechen, gehören eben nicht "zum Club". Im Geld-Club ist es peinlich, über Geld zu sprechen. Keine Ahnung wieso, es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen, und wer sich nicht dran hält, fliegt automatisch raus.
Dass es aber auch in anderen "Süstemen" so abläuft, fand ich dann doch interessant: Hausfrauen reden niemals darüber, wie hoch der Aufwand beim Putzen ist z.B., Mütter niemals wirklich über Pädagogik, Lehrer nicht über Bildung und Politiker nicht über Macht. Also zumindest nicht, wenn es sie selbst betrifft.
Tabu also.

"Tabu" ist eigentlich etwas, das gemieden wird aus ganz bestimmten Gründen. Manchmal wird das Tabu durch Religion erklärt, durch Geister, schaut man tiefgründiger geht es dabei immer um Gleichgewicht und Ordnung. So kann ein Stück Wald eine Tabuzone sein, damit nur bestimmte Menschen in aller Ruhe bestimmte Dinge dort tun können, oder aber um zu verhindern, dass man dort jagt oder rodet, einem Naturschutzgebiet ähnlich. Ein Tabu kann heilig sein oder gefährlich, und meist wird es so lange geschützt, bis man vergessen hat, warum man es überhaupt eingeführt hat.
Warum aber das persönliche Tabu in der Zone der eigenen Expertentätigkeit? Könnte es sein, dass man so seine Erfolgsgeheimnisse schützt? Oder dass es einem vielleicht irgendwie peinlich ist? Oder dass man instinktiv weiss, dass das alleinige Kommunizieren über die eigene Spezialtätigkeit einen selbst in seinem eigenen, geglaubten Kosmos hinterfragt und dadurch umstürzt? Droht hier die Gefahr der Rechtfertigung, weil da irgendwas nicht ganz koscher ist?

Freiberufler meiner Art zum Beispiel sprechen nie oder selten um die Winkelzüge, die hin und wieder in der Aquise stattfinden: die Abwerbung nämlich. Niemand gibt freiwillig zu, dass man einem Kollegen den Kunden abspenstig gemacht hat, dass man von ihm abkupfert, dass man sich neue Kontakte aufbaut über jemandes Kopf hinweg. Selbst wenn es noch so offensichtlich ist und durchaus gängige Praxis: darüber spricht man nicht. Es ist tabu. In unseren Breitengraden ist Ideendiebstahl ein Tabu, solange man unter sich ist. Es ist kein Tabu bei Leuten, die nicht aus der kreativen Branche kommen, hier sind die Leute unglaublich stolz auf ihre geklauten Songs, Filme und Bilder, weil es den Status erhöht, eine Ware erjagt zu haben ohne dafür bezahlen zu müssen. Und für die Chinesen ist es sogar eine ehrenvolle Aufgabe, weil man nur kopiert, was gut ist, und das Original so ehrt.

Merkürdig. Als gelte es da etwas zu verschleiern wie eine heilige Braut.

... Link (0 Kommentare) ... Comment


Montag, 12. Mai 2014
Tierischer Zuckerschock.

Ich könnt ja diese Woche mal was ganz Neues erzählen -- was über die Apokalypse, den heiligen Kilian oder die Neolithische Revolution, die thermodynamische Belastungsrevolte des Comiczeichners oder Designers.
Oder zur Abwechslung mal auf die Kacke hauen und was über die Evolution menschlicher Dinge und Umgebungsparanoia.
Ich könnt auch was ganz brisantes tun und einfach mal nur gähnen, weil die Taurin-Brause, von der ich seit Wochen lebe, langsam aber sicher zu Nierenversagen und Zuckerschock führt, und aber überhaupt nicht mehr wirkt.

Nein, ich mach diese Woche mal das, was mir vor Jahren zur Begrüssung bei Antville jemand auf die Frage, was man denn bitte in einen Blog schreiben soll, gesagt hat: "Schreib was über Tiere, das ist sehr beliebt." -- und Kommentare dazu hab ich mir bislang verkniffen.
Denn ich hasse Tiere.

Also, nicht Tiere im Allgemeinen, ich kuschle gern mit Regenwürmern und Kellerspinnen, und hin und wieder mag ich auf der Pizza auch Wurst. Oder ein LKW nachm Einkaufen bevor ich vor Unterzuckerung umfalle. Nein, ich hab auch kein Problem mit Haustieren mit denen man sich vernünftig auseinandersetzen kann oder Mäusen, die im Keller leben.
Aber ich hasse Haustiere. In den Medien.
Diese kuscheligen, süüüüüüsssen Kätzchenvideos auf YT die ES so liebt, noch schlimmer die so OBERSÜSSEN Hundevideos in "spezieller Stellung", die ES noch viel lieber liebt und mir das I-Phone glücklicherweise so nah vor die Visage hält, dass ich den Schwachsinn nicht mehr erkennen muss (ohne Lesebrille geht das nicht mehr), nur noch die Scheissmusik dazu hören, die eh irgendwo geklaut ist und damit ein Copyright verletzt.
Die einzigen YT-Haustiere die ich leiden mag sind explodierende Fische oder so. Und immer wenn ich an dem Transporter unten im Tal vorbeikomme, auf dem die Aufschrift steht "Wir bringen die Natur in Ihr Zuhause", wird mir Angst und bang. Nein, noch mehr Spinnen und Milben und Mücken und vor allem die fette Nachbarskatze (die ich sogar leiden kann, auch wenn sie mir die Polster versaut und in die Beete kackt) muss ich nicht haben. Eingeklemmt zwischen Weinberg, Wald und Gartenanlagen hat es halt Viecher, genuch, dass ich die nicht auch noch SÜSS finden muss.

Aber: Vielleicht mag ich auch nur die Art Tierhalter nicht, die völlig ausflippen wenn sie irgendwo einen Köter sehen Ja du braaaaver du süüüüüüüser du! (manchmal wünschte ich, die Köter würden dann vor Hutschigutschi einfach mal losbeissen), militant auf die Quälerei im Tierschutz hinweisen und genauso militant das vegane Leben als "die Ernährung der Zukunft" bezeichnen.
Hunde sind nicht süss, Hunde sind Fleischfresser mit Gebiss.
Nein, noch mehr Natur will ich gar nicht bei mir zu Haus, das ständige Ecken-Aussaugen und Riesenspinnen aus dem Klo-fischen reicht mir schon. Und ich bin heilfroh, dass die Schlange, die wir beim unserer archäologischen Grabung im Garten gefunden haben, nur aus Gummi war.

Nein, ich kann lustige und süsse Tiere nicht ausstehen, und ihre Halter auch nicht, und dank anthroposifischer Vorbelastung habe ich auch ein sehr sperriges Verhältnis zu Vollwert- und Vegan-Nahrung, Naturholzmöbeln und naturtrüben Schlübbern.
Ich mag keine Tiere, ich mag Pflanzen, weil man die nicht erziehen muss und straffrei essen darf. Und weil noch keiner auf die Idee gekommen ist, süsse schlafende Jungpflanzen mit Kuschelmusik zu unterlegen, und mir ungefragt weil ja doch sooooo süüüüüüüsssssss vor die Nase zu schieben.

... Link (0 Kommentare) ... Comment


Sonntag, 4. Mai 2014
Kornkreise.

Nicht nur die Wissenschaft kaut an der Frage "warum wurde der Mensch sesshaft", sobald er sich mit der "Neolithischen Revolution" befasst, auch ich tu das. Normalbürger sprechen hier ja eher vom "Keim der Zivilisation", so ganz unrichtig ist das nicht, aber es ist eine Wertung, die meist das Loblied auf die Moderne, die Gegenwart und deren Sieg über jede andere Existenzform stellt.
Jesses.
Als hätte das nicht schon Felix Dahn mit seiner "Geschichte der Völkerwanderung" versucht, und damit der braunen Suppe den esoterischen Zunder verschafft, den sie brauchte, um dafür zu sorgen, dass wir uns heute immer noch davor hüten müssen zuzugeben, die Edda gelesen haben.

Aber vielleicht ist die Frage falsch. Vielleicht muss man nicht fragen "wieso wurde er sesshaft", sondern "wieso kam er auf die Idee, nicht mehr wie gehabt ein Wildbeuterleben zu führen?".
Aus archäologischen Funden weiss man mittlerweile eine ganze Menge, z.B. dass die Sesshaftigkeit auch kein Zuckerschlecken war. Man hatte offenbar zwar genug zu Essen, starb aber oft genug an Mangelnährung dank fehlender Vitamine und in heimischer Verseuchung produziertem Fleisch sowie an den Folgen fehlender Hygiene. Seit dieser Zeit bessert der Mensch nach, zum Einen, indem er Resistenzen entwickelt, zum Anderen, indem er Forscht. Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt: wollten sie nicht zurück, oder konnten sie nicht?
Übertrage ich heute aber diese Frage mal auf die Psyche, kommt da eine ganz merkwürdige Nummer heraus.

Dauernder Mangel, wie er in Jäger-Sammler-Kulturen ohne Vorratshaltung nunmal vorkommt, sorgt also für die Entscheidung, sesshaft zu werden und Getreide anzubauen, das bevorratet werden kann. Wir wissen aber auch, dass selbst die Landwirtschaft immer mit "schlechten Jahren" rechnen muss, und hier kann ein schlechtes Jahr tödlich sein, denn ein Weiterziehen ist ja nicht möglich. Man kann über Tage, Wochen, ja einige Monate hungern, ohne zu sterben. Aber nicht ein komplettes Jahr. Also braucht man keinen Vorrat, man braucht einen Riesenvorrat. Und um diesen anzulegen, braucht es die Keramik. Und den Spiess umgedreht bedeutet das, dass erst die Keramik die Vorratshaltung, und damit die Sesshaftigkeit verursacht hat, nicht der Ackerbau. Die Abos in Australien waren bis zuletzt nicht sesshaft, aber sie ernteten Getreide, schroteten es, und bastelten daraus Essbares.
Ein ganz ähnliches Problem hat jeder mit seinem Garten, wenn er Gemüse anbaut: wohin zum Teufel mit den 5 Kilo Kohlrabi, die übrig sind?! Oder den 3 Kilo Bohnen? Wohin mit den 20 Kilo Kirschen oder den 30 Kilo Äpfeln? Nun, ich bin in einer Gartensiedlung aufgewachsen, und da hat man es praktiziert wie in den Schrebergärten der Gegenwart auch -- und auf die Art, wie es die Nomaden noch heute tun: sie tauschen. Die Überschüsse meiner Nachbarn landeten regelmäßig auf meinem Herd, von Mirabellen über Rhabarber über Süsskirschen bis hin zu Zwetschgen und Quitten. Ich dagegen hatte Zucchini (und kann das Zeug bis heute nicht mehr ohne zu würgen essen), Äpfel und einen kräftigen Schneeschippenarm.
Was aber, wenn man garnicht tauschen muss, sondern sowieso alles für sich behält, weil man nebenbei diverse Techniken des Konservierens kennt?
Dörren, pökeln, in Öl einlegen, in Salzlake milchsauer einlegen, steril einkochen, mit Zucker einkochen, Saft pressen und vergären, Einfrieren. Da gibt es diverse Methoden der Konservierung, viele von ihnen kannten auch schon unsere Vorfahren vor 10.000 Jahren. Aber bis auf´s Dörren funktioniert keine so richtig ohne anständigen Topf. Und hat man den ganzen Keller voller Weckgläser und eine große TK-Truhe, dann macht man sie auch voll, ganz egal ob man noch vom Vorvorjahr eingekochte Kirschen und Kirschmarmelade und zentnerweise Apfelkompott da herumstehen hat. Man kocht brav weiter ein.
Weil man es kann.
Nicht, weil man es muss.

Aha. Man tut also Dinge, weil man kann.
Diese Nummer kommt mir irgendwie bekannt vor. Und schlimmer noch: manchmal tut man Dinge auch, wenn man sie eben NICHT kann. Ich stricke z.B. hin und wieder exzessiv Pullover und anderes Zeug nach eigenem Gutdünken, aber ob ich das wirklich kann, frage ich mich durchaus. Eigentlich sind das keine Pullover, sondern Säcke. Trotzdem tu ich es, und jedesmal mit dem Gedanken "diesmal wird er PASSEN". Seit 30 Jahren scheitert dieses Dauer-Experiment nun.
Tscha.
Man soll ja nicht von sich auf Andere schließen, aber der Mensch hat tatsächlich die Marotte, Dinge zu tun, eben weil er sie tun kann. Und meint er, dass er nicht gut genug ist (oft genug, weil es tatsächlich nicht gut genug ist), fängt er an zu experimentieren, zu verbessern, herumzudoktern: die Mutter der Innovation also. Und schlimmer noch: "Gut ist nicht gut genug".
Dieses Prinzip, diese menschliche Schwäche, hat sich mittlerweile die Wirtschaft zu Nutze gemacht, und somit sind wir von dieser Schwäche nahezu abhängig.

Nein, nix gegen Schwächen und Macken. Aber Schwächen und Macken sind etwas, was man (er)kennen und akzeptieren muss, nicht so tun, als wärs eine Stärke, weil man Schwächen ja nicht haben darf.
Es ist menschlich, eine Schwäche für Schokolade zu haben, aber Schokoladenkonsum als Stärke zu bezeichnen damit man nicht das Gesicht verliert oder der Umsatz bröckelt, ist dann doch irgendwie kontraproduktiv.
Zu seinen Schwächen zu stehen, bedeutet, seine Bedürfnisse zu kennen, und damit sich selbst. Nicht zu seinen Schwächen zu stehen bedeutet, lebenslang unter der Diktatur des So-Sein-Müssens zu leben, und keine Ahnung davon zu haben, was man eigentlich braucht im Leben.
Was heisstn des jetzt fürs Töpferzeitalter des Neolithikums?

Könnte es bedeuten, dass mit der tatsächlichen Sesshaftigkeit sich auch dieses "müssen" etabliert hat, denn by the way, mit der Keramik kam der Brennofen, und mit dem Brennofen die Metallurgie, und mit dieser wiederum das Schwert, die Macht, der soziale Unterschied durch Haben, nicht durch Sein, die Pyramidenhierarchie, das Sklaventum.
Eingetauscht durch Planungssicherheit, die am Ende keine ist. Denn Ernten können ausfallen, Kriege verloren, Wissen vergessen werden, Einkommenserwartungs-Kalkulationen völlig daneben liegen, Gesundheit verschwinden, Ausbildung für die Katz´ sein, all das, wofür man sich gerne absichern möchte, es bis heute aber nicht kann, weil die Welt nunmal ist wie sie ist: nicht kalkulierbar.
Was die Frage nach der Sesshaftigkeit immer noch nicht beantwortet.

Ich kann sie nicht beantworten, und auch die Wissenschaft hat vor allem Vermutungen. Sicher werden wir das vermutlich nie wissen, schon, weil es vermutlich mehr als einen Grund dafür gegeben hat, nicht nur umweltbedingte Faktoren, und in jedem Teil der Welt kann und wird es anders gewesen sein.
Trotzdem ist es eine der spannensten Fragen überhaupt, schon, weil sie uns um die Ohren haut, dass das Prinzip Sesshaftigkeit keine Frage der menschlichen Überlegenheit ist, sondern eher seiner Blödheit durch den Glauben, es selbst besser machen zu können, als die Natur es erlaubt.

... Link (1 Kommentar) ... Comment


Sonntag, 27. April 2014
Dio-Genes.

Merkwürdige Erkenntnisse eigentlich, wenn man manchmal Theorie und Praxis vergleicht.
Da lernt man im Studium diverse Dinge über die Funktionsweise und das "Sprechen" von Bildern, den ganzen kommunikativen Krempel eben, und lebt zudem in einer von Bildern höchst verseuchten Welt. Und macht sich schon während des Studiums kaum noch Gedanken um diese Bilder, wenn es um die Satzprüfung geht, und in der Satz-Praxis hat man vor allem damit zu tun, das Runde ins Eckige zu befördern oder umgekehrt, da spielen Bilder eher die Rolle von Nervensägen oder Hilfsmitteln, um Hurenkinder und Schusterjungen zu vermeiden. Schon zu meiner Anfängerzeit war die Achtsamkeit was Zeilenhaltigkeit betrifft im Eimer. Das Durcheinander von Bildern und Textschnippseln war nicht nur notwendig geworden durch den zeitlichen Druck der durch den digitalen Satz entstand, es wurde zur Rechtfertigung auch noch zum Satus Quo erhoben, den, wenn man ihn nicht befolgte und auf der Zeilenhaltigkeit herumkaute, zu Jobverlust führte. Schnell musste es gehen, denn die Kosten mussten runter. Immer schon.
Das hat aber zur Folge, dass man sich entweder auf einen Haufen Bilder stürzt und "Bildbände" mit teilweise lächerlich schlechten Texten produziert, oder aber Bücher herstellt, in der die Bilder eine eher dekorative denn illustrative, den Text stützende Funktion haben -- die oft mit dem Text eigentlich nichts zu tun haben.
Das ist wie im Museum stehen uns lesen "Tracht aus dem Ochsenfurter Gau". Von wann? Von wem zu welchem Zweck getragen? Aus welchem Teil des Ochsenfurter Gaus? Und wo ist das eigentlich: der Ochsenfurter Gau? Aus welchem Material besteht die Tracht? Wer hat sie hergestellt? All diese Dinge sollten erwähnt werden, wenn man die Geschichte der Trachten dokumentieren und lebendig werden lassen will. Was Sinn der Museen ist. Damit sich aus den gegebenen Informationen jeder das rausziehen kann für, was für sein eigenes Wissen interessant sein könnte, und damit das Hirn biochemisch zum Jubeln bringt. Ohne diese Dinge knallen uns sinnlose Informationen ins Hirn, die anschließend zu eher esoterischen Dummheiten zusammengefügt werden müssen.

Und mit Bildern in Büchern ist das eigentlich nicht anders: da wuchert Zeug, das ich so gar nicht mehr benennen kann. Freilich: ich kenne die Verlagsrealitäten, die sagen: wir haben nur diese Bilder, Bildrechte zusätzlich kosten ein Vermögen, hammer nich. Anständiges Lektorat kostet. Anständiger Satz kostet.
Wie im mir gerade vorliegenen Beispiel: der gerne erwähnten Referenzquelle für die Hethiter, dem Ausstellungskatalog der Hethiter-Sonderausstellung 2002 in Bonn. Einzigartig, weil: sonst gibbs net viel. Erschienen im renomierten Theiss-Verlag. Und Satztechnischer Müll. Man kann das Ding einfach nicht lesen, ohne Kopfweh zu bekommen, schon wegen des beschissenen quatratischen Formates. Die Fotos sind zweifellos toll, vor allem weil man sonst kaum andere Bücher mit Fotos hethitischer Kultur findet. Aber sie zeigen nicht das, was im Text detailreich und unlektoriert samt aller Satzböcke beschrieben wird, sondern völlig andere Dinge.
Man muss den Korrekturabzug doch ENDLESEN herrschaft, bevor man sowas in den Druck gibt. Und wieso fällt niemandem dieses Bild-Text-Durcheinander auf? Abgesehen davon, dass man den Ausgräber von Nesa bitte graben lassen, aber nicht schreiben lassen sollte. Ich lese Grabungsberichte seit 15 Jahren, und kenne die Fachtermini. Kein Ding. Aber wenn man den Grabungsort wortlos wechselt wenn man von unterschiedlichen Grabungsschichten spricht, sollte entdeckt werden. Das ist garantiert nur ein Flüchtigkeitsfehler, und jeder Lektor hätte ihn gefunden. Das Schlimme ist, dass sich bei den Texten diese Flüchtigkeitsfehler komplett durchziehen. Man hat sich also die 1200 Euro für den Lektor gespart. Und offenbar ist es auch völlig wurscht, wenn man die Ikonografie auseinandernimmt bezüglich Siegelringtypus A, aber die Bilder und Grafiken andere Siegeltypen aus ganz anderen Teilen der Türkei zeigen, die NICHT beschrieben werden. Ja Herrschaft.

Mir kam die Bisanz dieser Gedanken beim Satz eines noch unveröffentlichen Buches, das eine Zeichnerin geschrieben hat. Da ich nur den Satz erledige und kein Verlag bin, der der Zeichnerin Vorgaben macht wie üblich, riskiere ich nicht meinen Job, wenn ich jetzt Bild und Bild-Text-Bezug VOR Satzregel stelle, und wenn diese nicht sklavisch einzuhalten ist, es einfach lasse. Nicht ohne es wenigstens zu versuchen, mit allen Kenntnissen die ich habe, aber ein Klavier passt nunmal nicht in den Kofferraum eines Fiat Panda. So zu arbeiten macht nicht einmal mehr Arbeit, aber: man muss sein HIRN einschalten und gewisse Dinge begreifen. Text in Bezug zu Bild sehen. Offenbar eine nicht existente Prozedur beim Herstellen von Publikationen.

Fakt ist nur: das lesende Hirn SUCHT diesen Bezug, kommt er nicht zustande, bleibt die Information ohne Sinn, und hat daher keine weitere Bedeutung. Man könnte auch einfach garkein Buch schreiben oder lesen, der Effekt wäre derselbe. Ist das Verblödung dank falscher Produktion?
Ist das den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen?
"Kein Wunder, die Leute lesen doch kaum noch Bücher" ist hier falsch analysiert, denn das stimmt so nicht. Sie lesen durchaus. Aber es bleibt das Falsche hängen, es werden die falschen Bezüge hergestellt, wenn sie denn mal hergestellt werden, oder der Inhalt wird schlicht vergessen.
Man kann eher fragen "ja gibt es denn niemanden, der das berufsmässig ändern kann?". Doch, solche Leute gibts massenhaft. Aber die Kritik dieser Leute will sich keiner antun, aus Angst vor Kosten. Betonung auf Angst, denn die Meisten dieser Leute kennen sich mit diesen Kosten durchaus aus, und wissen Mittel und Wege, das zu verhindern. Aber man fragt sie nicht einmal. Bei mir gehört es zum (für mich leider blöd) kostenlosen Service, und es ist der Grund, warum ich einige meiner Kunden über Jahrzehnte betreue und beliefere, nicht über 2 Wochen. Aber ich werde -- wie die Kollegen aus dem Lektorat -- auch nicht immer gefragt, wenn es denn tatsächlich angebracht wäre. Weist man darauf hin, bekommt man ganz im Gegenteil, den Job eher entzogen. Man will über sowas nicht reden, das ist kompliziert, komplex, das Kartenhaus könnte einstürzen.

Bilder haben eine weit höhere Wirkkraft als simpler Text, jeder Kommunikationswissenschaftler weiss das. Mit Bildern und Tönen kann man prima manipulieren.
Aber mir gehts hier gar nicht um die manipulative Eigenschaft, die oft sehr zweckgerichtet eingesetzt wird. Mir geht es darum, dass dieses Wissen dank moderner Medien allerweil bekannt ist -- und dann so getan wird, als sei das nicht notwendig auch im Wissenskontext wenigstens zu beachten.
Und geht man der Sache auf den Grund, entdeckt man Firmen (nicht immer nur Verlage), an deren Spitze ein sehr dummsturer Entscheider steht, und Ausführende, die nicht den Mut haben Haltung anzunehmen (es kann einen in der Tat den Job kosten, in 90% aller mir bekannten Fälle), oder schlicht die Fachkenntnis nicht besitzen oder denen es schlicht egal ist.

Ja, aber, zu was dann das Ganze?

... Link (4 Kommentare) ... Comment


Sonntag, 20. April 2014
antagone Protagonie.

Die Esoterik sieht die Gestalt des Engels gerne als "gute Kraft", kann ja auch nicht anders sein, da Gott ja ein lieber Kerl ist.
Glücklicherweise sind Gechichtenschreiber da etwas kritischer, auch was die Dämonen betrifft. Engel eignen sich nicht besonders als Protagonisten, denn wer den Burschen je über den Weg gelaufen ist, weiss, dass sie sich in Einem nicht von den Dämonen unterscheiden: sie haben keinen freien Willen, sie urteilen und handeln nicht gut oder böse, aber im Gegensatz zu den Dämonen sind sie beschissen zu verstehen. Die Sprache der Dämonen ist klar und deutlich, wenn auch immer nur dem eigenen Zweck dienlich, die Sprache der Engel hingegen ist derart schwammig, dass man einen Thesaurus braucht, der schon sehr umfangreich sein muss.
Mit Sätzen wie "trinke den gelben Saft" oder "die Wurzel liegt im kalten Wasser" hat man keine Chance, ein solches Wesen zum Protagonisten einer Geschichte zu machen, und begegnet man ihnen leibhaftig, könnte man genauso einem Alien begegnen, der keine menschliche Sprache und keine erkennbare Motivation hat.
Mich wundert es also nicht, dass Esoteriker wie andere Gottgläubige Menschen Filme und Serien nicht für beachtenswert halten, in denen gerade die Engel nicht gut weggkommen, angefangen bei "God´s Army" über "Constantine" bis hin zu "Babylon 5" oder "Andromeda". Das einzig positive an Engeln ist, dass sie tatsächlich nicht lügen, im Gegensatz zu Dämonen.

Interessant ist, dass das Thema der Engel auch von Chef-Hirte "Pater Anselm" aus Münsterschwarzach höchstpersönlich bestsellerartig verbreitet wird, der nachweislich mit Engeln weder was am Hut, noch je einen zu Gesicht bekommen hat. Anselm schreibt seine Bestseller, um Geld zu verdienen für sein Kloster. Das mag eine hehre Absicht sein in Zeiten, in denen Klöster immer größere Probleme haben zu überleben, weil ihnen die Gelder fehlen. Schließlich darf heute jeder "dahergelaufene" Mensch in eine Klostergemeinschaft eintreten, nicht nur der Adelsstand, der dann meist ordentlich Gut und Mittel mitbrachte. Und auch wenn noch heutezutage das eigene Familienerbe dem Kloster übergeben werden muss, die Masse an Neuzugängen bleibt übersichtlich.
Auch Drehbuchautoren schreiben, um Geld zu verdienen, allerdings ist ihre Motivation wohl eine Andere, weil sie mit Figuren und Gedanken, mit Prozessen und Ideen einfach nur spielen. Die Frage des "was wäre wenn" steht hier eindeutig im Vordergrund, und dann kommt meist die Frage: "ist das interessant?".
Eso-Schreiber interessiert das "was wäre wenn" genau so wenig wie das "ist das interessant?", es geht dabei einzig und allein um die Kasse: ist es ein Thema, das die Leute kaufen?

Engel eignen sich nicht als Protagonist einer Geschichte, was nicht logisch ist, weil sich Dämonen wunderbar als Antagonist eignen. Engel spielen Nebenrollen, sie sind die besseren "Trickser", das "Über-Ich" oder der "Sidekick", besetzen also bessere Nebenrollen, wenn sie nicht wie in "Constantine" oder "God´s Army" gleich den Antagonisten besetzen. Was in ihrer Natur liegt, nicht an ihrer esoterisch zugewiesenen Rolle.
Noch besser erkennt man diese merkwürdige Eigenschaft des Engels, wenn man erkennt, dass sie, so wie sie sind, in Form von Aliens adaptiert werden. Jede Form von Alien spiegelt Engel oder Dämon, weil beide die Eigenschaft geheimnisvoller überirdischer Macht besitzen, gegen die der kleine machtvolle Mensch vorgehen muss um zu überleben oder ihr folgen muss, um zu überleben.
Tauchen Engel in der SF als Flügelwesen auf (z.B. "Barbarella" oder "X-Men"), spielen sie auch hier keine heldenhafte Hauptrolle, sondern die Nebenrolle des Zerrissenen oder Gequälten, symbolisch stützen sie also vor allem die Gemeinheiten des Lebens oder der dämonischen Diktatoren, weil sie diese Dinge sehr sichtbar werden lassen können -- durch den Umstand, dass wir sie per se als unschuldig und heilig wahrnehmen.
Und in der Tat: beides sind sie. Selbst die Rolle Gabriels in "God´s Army" und "Constantine" erhält ihre rächenden, grausamen Züge durch miese Behandlung durch Gott oder sein Verschwinden. Oder wie in "Dogma" die Zerreissprobe, die durch das Eingreifen des Menschen in göttliche Angelegenheiten erst so richtig eskaliert.
So, wie der Dämon "stets das Böse will, und damit stehts das Gute schafft" wie es in Goethe´s Faust heisst, ist es die Eigenschaft des Engels, der Gutes schaffen soll, und damit ungute Ergebnisse verzapft. Dafür kann der Engel nix, er handelt auf Befehl von oben und immer entlang seiner Natur. Ungute Ergebnisse sind aber nix für Protagonisten, und will man es dann doch versuchen als Autor, muss man sich schon kräftig was einfallen lassen. Mindestens einen "Universal-Übersetzer", weil der geneigte Leser ja auch verstehen muss, was dieser Engel-Protagonist da redet.

Interessanter ist eher die Frage, warum das, was Gutes schaffen soll, dieses einfach nicht tut -- und umgekehrt. Hier kommt dann der Mensch ins Spiel, denn der Mensch ist gebunden an Raum und Zeit, und alles was er tut hat eben so seine Auswirkungen.
Aber das ist dann ein anderes, eigenes Thema.

... Link (1 Kommentar) ... Comment


Sonntag, 6. April 2014
Antagoniden.

Die Meisten Geschichtenerzähler kennen sie, Theologen nicht weniger. Aus der Esoterik sind sie genauso bekannt wie aus den Mythen und Religionen: Dämonen.
Tolles Thema, über das man sich unglaublich lange und intensiv streiten und/oder austauschen kann. Aber: was zur Hölle ist das, ein Dämon?

Nun, genau gesagt stammt das Wort meines Wissens nach aus dem Altgriechischen: ein "Daimon" ist ein Geist, ein unsichtbares Wesen, speziell eines, das handelt. Sowas ähnliches wie ein Poltergeist sozusagen. Nichts wird hierzu gesagt, welcher Motivation dieser Daimon unterliegt, nicht, bis Monotheisten sich dem Thema annahmen, und definierten: die Absichten eines Dämons sind böse. Die Guten Daimons nannten sie dann Engel.
Nun, wenn man mal einem Dämonen begegnet ist, weiss man, dass diese Individuen in der Tat keine besonders nette Zeitgenossen sind. Sie setzen sich ans Bett unglücklicher Menschen, fressen sich in ihr zweifelndes Herz, und erzählen einem, was man zu tun und zu lassen hat, um sich aus seinem Elend herauszuwürgen.
Es gibt über die Ursache von Dämonen diverse Erklärungsversuche: die Einen meinen, dass es sich um die dunkle Seite der menschlichen Seele und/oder Psyche handelt, die Anderen sagen, sie seien tatsächliche Wesen, die ausserhalb unseres Geistes, unseres Körpers, unserer Existenz eine gewisse Autonomie haben. Vorausgesetzt man akzeptiert die Existenz von Dämonen überhaupt. Im richtigen Leben oder im Glauben oder als Teil einer erfundenen Story. Man stelle sich einen Filmklassiker wie den "Exorzisten" ohne Dämonen vor. Aber wem das zu spirituell daherkommt, kann sich ja mit Vampieren oder Zombies beschäftigen. Oder Psychopaten. Alles, was man halt braucht, um eine Schauergeschichte zu erzählen.

Nun, ich gehe mal davon aus, dass Dämonen nicht nur existieren, sondern dass sie eine ganz spezielle Aufgabe haben, eine sehr spezielle Charakteristik, etwas, was man vielleicht eher aus Erfahrung wissen muss oder durch intensives Nachbrüten und Recherchieren. Der Job eines Dämonen besteht nur sehr oberflächlich aus "Verführung" jeglicher Art. Ein Dämon erzählt einem, was er denkt, dass sein Opfer es hören will: "die Anderen sind schuld" wenn man selbst unheimlichen Mist gebaut hat und dies nicht sehen möchte oder "Du bist schuld", wenn man es definitiv nicht ist, aber unheimlich prima gelernt hat, sich selbst für alles verantwortlich zu machen. Niemand kann ja so wirklich wissen was "wahr" ist, aber ich habe mir angewöhnt, jedem Individuum, nicht nur Unsichtbaren, fürchterlich auf die Finger zu gucken, sobald mir einer sagt, was ich "eigentlich im tiefsten Inneren brauche". Ich höre den Burschen also erstmal zu, will wissen was sie eigentlich wollen, und wenn ich das dann weiss, schau ich mal, ob SIE zuhören. Nur: Dämonen hören nicht zu, weil sie ganz andere Ziele verfolgen. Und das macht sie für mich nicht "böse", sondern ich erkenne sie an als das große Fragezeichen für mich selbst: Bist du das? Willst du das? Das, was der einem da auf den Teller legt und meint, er würde mir damit einen Gefallen tun?

Dieses vermeintliche "Auskundschaften" irgendwelcher Dinge, wie es Dämonen so eben tun, in den egoistischsten unserer Leidenschaften, hilft nicht nur mir persönlich ein klareres Bild meiner eigenen Morphologie zu erkennen (Menschen verändern sich ja hin und wieder, bzw. ihre Wahrnehmung verändert sich), ich kann sie so auch als wunderbare Antagnoisten in Geschichten verwerten. Es gibt nix blöderes als einen Charaker, der nicht so wirklich homogen und rund ist. Selbst Ambivalenzen lassen sich durch eine gewisse Logik tatsächlich erklären, und sie bestimmen letzten Endes das Handeln und die Worte dieser Charaktere.

Dämonen, das darf man trotz aller Beschäftigung mit ihnen nicht vergessen, sind in der Tat nicht wirklich "böse", genausowenig wie Engel wirklich lieb sind. Sie erfüllen ihren Zweck. Aber sie sind verlorene Wesen, heimatlos, hoffnungslos, gefangen im Glauben an die eigene Allmacht. Engel wie Dämonen zweifeln nicht, der Zweifel ist eine rein menschliche Schwäche. Und da sie beide über keinerlei Emotionen verfügen (dazu bräuchten sie Körper mit der entsprechenden Hirnchemie und den entsprechenden sensorischen Systemen), wissen sie nichts über falsch oder korrekt. Nichts über Gut und Böse.
Und ich könnte ein ganzes Buch füllen mit diesen Dingen. Eben weil sie viele verschiedene Seiten wie Saiten haben.

Kann man Dämonen in den "Griff" kriegen? Nein, denn sie haben sich selbst nicht im Griff, und wissen, wie bereits erwähnt, nichts von richtig oder falsch. Man kann einen Dämonen nicht "missionieren" oder ähnliches. Aber man kann ihn dahin zurückschicken, wo er herkommt.
Zurück in die "Hölle", den Ort, an dem es keine wirklichen Gefühle gibt, keine Temperatur, keinen Raum und keine Zeit, keine Schatten und kein Licht, keine Dunkelheit aber auch keine Klarheit. Denn da kommen sie her, die Dämonen, aus einer Welt ohne Beziehung zu irgend etwas.
Kann man dieses "Nichts" erahnen, kann man vielleicht ahnen, warum sie sich an uns Menschen klammern wie die Zecken an das nächstbeste Bein, und mit Borrheliose um sich spritzen und dies als "Zuneigung" glauben.

Und ja, manchmal haben sie Beine und Facebook-Accounts.

... Link (0 Kommentare) ... Comment


Freitag, 21. März 2014
MANAVGAT: dumme Touristen wie wir.

Letzter Tag, die Koffer mit allem gepackt was nicht ins Handgepäck muss (oder darf, wie die Taschenmesser zB.), verfahren wir uns erst mal wieder auf dem Weg zu den Wasserfällen nach Manavgat. Nachdem wir auch dort bereits waren, müssen wir nicht mehr auf die Aussichtsplattformen. Und nachdem wir uns auch in dieser Gegend auf der Suche nach Seleukia und einer antiken Brücke schon einmal verfahren haben, brumme ich irgendwann zu meinem Mann „ich weiss ja nich wo du eigentlich hin willst, aber in diesem Dorf waren wir schon mal, und mussten drehen weil die Straße da vorne aufhört“.
Ich dachte früher immer, „Truchseß-Reisen“ sei die Krone des Chaos, heute weiss ich: mein Mann kann das viel besser. Denn der findet am Ende jeder Verfahrerei (täglich mindestens einer) irgend ein witziges Ding, merkwürdige Orte, abenteuerliche Erfahrung und Entdeckung. Der Unterschied ist, dass mir immer das Benzin ausgeht – ihm nicht. Bei mir ist es eher Unfall, bei ihm Zufall. Zusammen sind wir unschlagbar.

Die Straße ist tatsächlich erst ein paar Meter weiter zu Ende, auch hier hat man zwischenzeitlich kräftig gebaut. Und dann geht es auf dem Feldweg weiter. Eine Grotte finden und erkunden. In der Ferne eine nicht bekannte Ruine finden und den Satz ignorierend „da ist kein fahrbarer Weg, ich würde da hin lieber laufen“, ebenso wie den Satz „Schatz, da ist es grün, da steht der Schlamm knietief...“ und schneller als gesprochen steckten wir also fest mit dem Renault Symbol, die Räder beinah bis zum Bodenblech im Schlamm.
Doch welch ein Glück: an Sonntagen (und es ist grad Sonntag) zelebrieren die Einheimischen eine Mischung zwischen „mal eben wüst mit dem Trekker durchs Gelände cruisen“ und „Familienausflug“. Insofern: der Trekkerfahrer der uns helfen wollte konnte nix ausrichten, das Abschleppseil riss. Dann tauchten, wie von Zauberhand, plötzlich die Männer eines ganzen Dorfes auf, und zu sechst schoben sie den Renault mal eben aus dem Sumpf. Mit einem nachsichtigen „basstscho“.
Wieder auf festem Boden springe ich aus dem Auto und küsse den Asphalt.
Und den Mund noch voller Dreck kommen wir tatsächlich irgendwann zu den Wasserfällen nach Manavgat, zum Picknickplatz der Einheimischen, versorgen uns irgendwie mit Brot, Käse und Wurst, bis irgendwem auffällt, dass die Wurst ja in Plastik verschweisst ist – und wir kein Messer haben. Auch keine Schere. Sogar die Nagelfeile liegt im Koffer im Hotel. „Frag irgendwen hier, bei so vielen Familien wird doch wohl irgendwer ein Messer haben“ schlage ich vor, und das Ergebnis ist irgendwie nett und beschämend gleichzeitig.
Da hocken wir, die „deutschen Touristen“ mit unseren mittlerweile dreckigen Hosen, Schuhen und Pullis, eher wie Penner denn Touristen, bitten um ein Messer um nicht zu verhungern, und werden urplötzlich mit Essen beschenkt. Frische Tomaten und Paprika, frisch gebackenes Fladenbrot, das köstlichste Köfte das ich je gegessen habe, frisch vom Grillschwert.

Der Autoverleiher ist natürlich überglücklich einem gerade so verkniffenen Schreikrampf nahe, als er das unglaublich verdreckte Auto zum Waschen schicken muss. Als wir zugeben, ziemlich viele Feldwege gefahren zu sein, auch bei Unwetter, dass das Abschleppseil im Eimer ist, sehe ich einen Hauch von Panik in seinen Augen und dem Klang seiner Stimme bei der Frage ob denn der Unterboden was abgekriegt hat.
Danach gehen wir, verdreckt wie wir sind, eine ordentliche Schmutzspur hinterlassend in den blank polierten Speisesaal 30 Minuten vor Schließung, denn in 60 Minuten kommt der Shuttlebus. Und die Tischkellnerin guckt etwas schief, weil wir Kaffee ordern und keine Zimmernummer vorweisen können.

Dämliche Deutsche eben, die in Schlammwiesen steckenbleiben, durch antike Vorgärten marschieren, zu blöd zum Klettern sind, und nix anständiges zum Essen haben. Und noch bei Sturmwetter im Cafe sitzen und Nescafe ohne Milch und Zucker saufen. Und Namen haben, die so lang sind dass es in keine Eingabemaske passt, weswegen es bei der Flughafenabfertigung immer Probleme gibt.
Menno.

... Link (1 Kommentar) ... Comment


SIDE: Sandbilder.

Ich bin nicht zum ersten Mal hier, nur: diesmal hab ich mein Skizzenbuch dabei. Und der merkwürdige Unterschied zum letzten Mal ist, dass sich um den Apollo-Tempel herum ein eingezäunter Menschenauflauf befindet. „Irgend ein Minister ist gerade da“ spricht der Kellner der Bar direkt über den Felsen.
Ich komme immer wieder gerne hierher, zum Kaffee trinken direkt über dem Meer, und zum Herumstreunen zwischen aberwitzigen Pflanzen, Dünen und Ruinenfragmenten. Für mich ist Side der schönste Ort der Welt. Weil es nach Orangen riecht und Salz, nach Kräutern und Wind, nach Stein und Holz.

Vorher waren wir noch im Museum. Beim ersten Besuch war es schon zu spät, beim Zweiten ein Montag (da hat es geschlossen), und jetzt, beim Dritten, brauchten wir als Erstes ein Klo. Menschen, die ihr Leben in Städten verbringen, vergessen schnell, dass ein anständiges Klo die einzig wahre wichtige Erfindung der Zivilisation ist. Ich könnte ein Buch füllen mit abenteuerlichen Geschichten über Toiletten in ganz Europa. Aber jetzt bin ich Türkei, und habe erstmal Museum.
Das Museum in Side ist klein, eher winzig, und der meiste Krempel „open Air“ deponiert. Drinnen, in den ehemaligen Thermen, sind Fundstücke wie gehabt eher nach Materialien denn nach Epochen in Vitrinen zusammengeworfen. Wieder begegnet mir viel Information zum grossen und ersten Archäologen, der von Atatürk in den 30ern höchstpersönlich als Erster nach Deutschland zum Studium geschickt wurde.
Und heimlich danke ich meinem Schöpfer, bei allen vorhandenen Skeletten und Artefakten nicht ein einziges Mal von stechender, kribbelnder „Strahlung“ beschossen zu werden. Das wird sich freilich ändern, später, im alten Hospital, später in einem „Wohnhaus“ in dem ich Zeuge einer unsichtbaren Messerstecherei werde, und eine Ecke weiter eine durchaus reale Drogenspritze finde.

Der Minister – oder wer auch immer da gerade einen kulturell relevanten Vortrag hält, hält ihn nicht zu Unrecht. Nicht, weil gerade offenbar sowas wie Wahlkampf ist, überall begegnen einem laut trötende Partei-Busse jeglicher Couleur. Nein, der Apollo-Tempel, so wie ich ihn kennengelernt habe, ist ein Anderer. Der gesamte Platz um den Tempelrest wird – soweit das überhaupt geht – rekonstruiert und wieder aufgebaut, aber nicht, wie man das normalerweise in Europa macht.
Archäologie bedeutet immer auch Zerstörung. Das liegt an den verschiedenen Bauabschnitten und Zeitepochen, denn trägt man die oberste Schicht ab um an das zu gelangen was darunter liegt, ist diese oberste Schicht zerstört für immer.
Auf einer Art Bautafel wird dokumentiert, was hier passiert: die Vermauerungen der letzten 1-400 Jahre wird entfernt, die Ruinen aus den Bestandsbrocken rekonstruiert und mit neuen Steinen soweit repariert, dass Türen wieder Türen sind, Kuppeln wieder Kuppeln und Fenster wieder Fenster, Treppen wieder Treppen. Was ergänzt wurde oder ergänzt werden musste ist mit roten Linien gekennzeichnet. Was droht umzufallen wie die beiden Wände der Basilika, wird mit Stahl stabilisiert.
Überall Handwerker beim Steinmetzen, und was bereits fertig saniert ist, macht mich fertig. Ich habe eine solche genial-konzeptionelle Leistung der Vermeidung von „Disney-World“ so noch nie gesehen. Man bekommt ein deutliches Bild von allem, aber ohne dass das Zerstörte verschwunden ist. Ehrlich gesagt: ich möchte heulen vor Freude dieser Verbeugung vor der Vergangenheit gegenüber, die so viel weitergibt an die Zukunft. Gerade weil so „wenig“ getan wurde.
Aber manchmal ist weniger einfach mehr.

Alles vermeintlich Grosse und Ewige und Geniale ist vergänglich. Alles holt sich die Welt zurück, was der winzige, sich so wichtig nehmende Mensch hinterlässt. Und hier ist merkwürdigerweise der Ort, an dem man das deutlicher spüren kann als sonstwo. Vielleicht auch, weil eifrige Christen „Halleluja“ an Mauern schmieren in denen Muslime leben, wie rücksichtsvoll. Weil es diesmal Hunde sind, die in den Ruinen leben, die uns führen und uns zu einer atemberaubenden Ausgrabungsstelle lotsen. Die alte Stadt liegt gut zwei Meter unter Sand. Und dazwischen blühen seltene Orchideen und andere Pflanzen.
Alles ist vergänglich, was Menschen betrifft, und ich bin glücklich hier, weil es den Moment des Jetzt so wertvoll macht. Wie eines der Sandbilder der Navajo, gemalt nicht für die Ewigkeit sondern für den Ritus des Windes und der Geister.

... Link (0 Kommentare) ... Comment


 
online for 5457 Days
last updated: 10.01.15 22:30
status
Youre not logged in ... Login
menu
... home
... topics
... Home
... Tags


... antville home
Juli 2017
MoDiMiDoFrSaSo
12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31
Januar
recent
denken ist nicht degoutant lies
das wintermärchen doch einfach mal da wirst du vieles von...
by wilhelm peter (10.01.15 22:30)
den heine zu bringen,
bei diesem text. da muss ich mich räuspern. entschuldigung.
by don papp (10.01.15 21:18)
winter märchen satire
denk ich an deutschland in der nacht wäre es wirklich an der...
by wilhelm peter (10.01.15 19:28)
alte eulen der minerva
dieter hildebrandt und ich waren uns jedesmal wenn wir uns gesehen...
by wilhelm peter (10.01.15 19:07)
wunder bare wahre werte worte
ware bahre ich würde diesen deinen ansatz als sokratesk begriffeln...
by wilhelm peter (10.01.15 18:39)

RSS Feed

Made with Antville
powered by
Helma Object Publisher